Der 11. September 2001 in den Medien

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Eine Zusammenfassung des Kapitels „4.2.2 Der 11. September 2001 in den Medien“ aus dem Buch „Bildethik – Theorie und Moral im Bildjournalismus der Massenmedien“ von Stefan Leifert, erschienen 2007 beim Wilhelm Fink Verlag, München.
geschrieben von Moritz Sonntag.

In diesem Kapitel möchte Stefan Leifert „die Phänomene aufzeigen, die sich unter den Bedingungen massenmedialer und elektronischer (Bild-)Berichterstattung zu typischen Merkmalen von Berichterstattung über Krisen, Kriege, Konflikte, Katastrophen etc. ausgeprägt haben.“
Bereits zu Beginn stellt sich ihm die Frage, ob der Anschlag am 11. September überhaupt in diesem Ausmaß stattgefunden hätte, wären sich die Angreifer nicht bewusst gewesen, dass ihre Tat ein derartiges mediales Interesse und eine Verbreitungswirkung über die ganze Welt hat.
Kriegsführung und die Berichterstattung der Massenmedien seien heutzutage so sehr verschmolzen, dass sie nicht mehr als „zwei sich gegenüber stehende Sphären beschrieben werden können“. Die mediale Reichweite und Wirkung der Berichterstattung sei daher eine klare Absicht der Kriegsführung. Erinnert man sich an die Zeit direkt nach dem 11. September, so waren die Medien voll mit Bildern von Gewalt, Angst und Grauen.

Er stellt fest, dass „sich diese Bilder vom World Trage Center nahtlos in die fiktionalen Bildwelten und imaginären Katastrophen einreihen lassen, mit denen uns die visuelle Medienkultur längst vertraut gemacht hat.“
Dies verstärke die emotionale Wirkung der gezeigten Bilder, da man diese bereits aus Fernseh- und Kinofilmen kennt. Fiktionales und reales von bisher gezeigten „apokalyptischen Untergansszenarien, die schon lange vor dem 11. September veröffentlicht wurden“ würden verschwimmen.  Stefan Leifert zieht speziell den Vergleich zu den Filmen „Independence Day“ (Roland Emerich, 1996) und „Towering Inferno“ (Irwin Allen, 1974). Vor allem in letzterem Beispiel sei die Affinität zu den Ereignissen und Bildern des 11. Septembers sehr stark. Es spielt zwar in Los Angeles, dennoch gerät ein Hochhaus in Brand, Fluchtwege sind abgeschnitten und die Feuerwehrmänner erscheinen als Helden.
Immer wieder zitiert er auch Seeßlen und Metz, die „das Genre des Katastrophenfilms unter moralischen Gesichtspunkten für zwiespältig“ halten.
Der Zuschauer dieser katastrophenfilme sei immer Opfer und Täter zugleich, da man durch den Besuch dieser Kinofilme bereits gestehe, sich diese Geschehnisse zu wünschen. „Näher war man nie an dem Satz von Adorno, dass, wer sich die Katastrophe so angelegentlich ausmalt, sie irgend auch will“ (Seeßlen/ Metz (2002), Krieg der Bilder – Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und mediale Wirklichkeit, Tiamat, Berlin)

In dem Unterkapitel „Ästethik des Grauens“ spricht er das Phänomen der Abscheu und Anziehung zur gleichen Zeit beim Betrachten von Bildern an. Die Fotos und Videos der Flugzeuge, die die Türme trafen, gingen mehrfach um die Welt. Er behauptet Bilder von Krieg, Katastrophe und Untergang sprächen eine Lust an, die schwer zu leugnen, aber ebenso schwer zu benennen sei. Er stärkt seine Behauptung mit einem weiteren Zitat von Seeßlen und Metz, die schreiben: „katastrophisch die Welt zu sehen, ist konsequent für eine Gesellschaft, die sich beständig über sich selbst hinaus entwickelt.
Es gäbe jedoch noch eine weitere „Dimension der Lust am Katastrophischen ...“, die „Ikonisierung des Grauens“.
Als Ikonen werden Bilder (Schlüsselbilder) bezeichnet, die „sich ins soziale Gedächtnis einbrennen und zur Rekonstruktion von Geschichte und geschichtlicher Gegenwart einer Kultur eignen.
Sie stoßen auf internationales und interkulturelles Interesse. Das sei jedoch erst mit dem Fortschritt und der damit verbundenen Verbreitung der elektronischen Massenmedien möglich geworden.
„Bilder sind die schnellste und grenzüberschreitendste Form der Kommunikation (angesichts der Sprachbarrieren) und des Verstehens.“
Damit Bilder zu Ikonen werden, sei es nötig, dass sie eher emotional als intellektuell ansprechen und ständig wiederholt werden. Blickt man auf die Berichterstattung des 11. Septembers 2001 zurück, so wird deutlich, dass die sich ständig wiederholenden Bilder im Fernsehen und Internet wohl auch den Zweck der Angreifer erfüllt hat.
Das Gedächtnis forme so eine visuelle „Repräsentation der Geschichte“. Wir können somit Bilder zu Ereignissen abrufen, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.
Die Bilder des Angriffs auf das World Trade Center seinen deshalb so schnell zu Ikonen geworden, da es eine starke Symbolik hatte. Im vorangehenden Kapitel nennt Stefan Leifert das WTC selbst ein Symbol für„präkerer Lebensraum, hypertechnisches System und Fortschritt“, zitiert jedoch auch Buttler: „Positiv als Kathedraltürme des freien Westens, des alle Glück und Wohlstand versprechenden freien Welthandels, oder negativ als Türme imperialistischer Vermessenheit, als Wahrzeichen eines Amerikas, das seinen Reichtum auf Kosten des Elends der restlichen Welt erziele.“ (Buttler, Joachim (2003), Ästhetik des Terrors – Die Bilder des 11. September 2001, in: Michael Beuthner u.a. (Hg.), Bilder des Terrors – Terror der Bilder? Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September, Halem, Köln, 26-41)
Türme seien in Büchern oft Symbolik für Reichtum, Freiheit, Stadtkultur aber auch im Falle der Türme von Babylon für „Anmaßung des Menschen gegenüber dem allein mächtigen Gott“. Die Berichterstattung habe demnach die „Zerstörung des Machtsymbols der westlichen Welt“ gezeigt.

Abschließend zeigt er vier Bilder, von denen er jeweils zwei miteinander vergleicht. Eines stammt jeweils aus der Berichterstattung zum 11. September 2001, das andere aus Krisen vergangener Zeit. Hervor sticht der Vergleich eines Fotos, auf dem Feuerwehrmänner – Stefan Leifert stellt des Öfteren fest, dass sie von den Medien als Helden der Tragödie gefeiert wurden – eine Amerikanische Flagge hissen, zu dem bekannten Foto von Joe Rosenthal (1945), auf dem Soldaten auf der Pazifikinsel Iwo Jima ebenfalls die Amerikanische Flagge hissen. (Link unten)
Dieser Vergleich mache „deutlich wie sehr authentische und inszenierte Momente ununterscheidbar miteinander vermengen“.

 

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