Über Fashion Victims und Fashion Crimes

CC-by-sa ethify.org & rasos

Was unglaublich klingt ist tatsächlich real: Europa. 391 Millionen Jeans – jedes Jahr. 28 Kilo an neue Kleidung pro Person pro Jahr. Diese Zahlen sind nicht fiktiv, sondern zeigen die erschreckende Wahrheit die sich hinter den Türen unserer Kleiderschränke verbirgt. Wir können uns viermal so viel Kleidung leisten wie noch vor 25 Jahren. Nicht weil wir mehr verdienen, sondern auf Grund eines Phänomenen unserer Zeit: den Modediscountern. Einer der bekannteste unter diesen ist PRIMARK. Die irische Modekette eröffnete ihren Flagshipstore im Mai 2007 in London. Über 6000 Quadratmeter voll mit vermeintlichen Schnäppchen, umweltzerstörenden Stoffen, Tränen von Kinderarbeitern und haufenweise gestresster Mitarbeiter. Und natürlich reichlich Securities an den Türen falls jemand etwas von dem günstigen Zeug mitgehen lässt. Viele scheinen es nicht mehr für nötig zu halten für diese geringen Summen noch nach der Geldtasche zu kramen.

Sobald wir die unnatürlich günstigen Preise sehen, scheint unser Hausverstand automatisch abzuschalten. Oder klingt 4 Euro wie ein logischer Preis für ein schickes Shirt? Von diesen läppischen 4 Euro müssen Transportkosten, Materialen, die Mitarbeiterinnen bei PRIMARK und die Erhaltungskosten der Textilfabriken bezahlt werden. Bleibt nicht viel bis zum Ende der Kette. Und wer steht dort? Die Arbeiterinnen in den Textilfabriken. An die 40 Millionen dieser Arbeiter schuften dafür, dass wir uns modisch bei Laune halten können. 1,5 Cent bleibt einem solchen Arbeiter, wenn wir bei PRIMARK ein 4-Euro-Shirt kaufen. 900 Stück davon nähen jede Arbeiterin übrigens täglich. Für einen Seitensaum haben sie 58,5 Sekunden Zeit. Und diese Arbeit geschieht natürlich nicht in sonnigen, gut klimatisierten Arbeitsräumen. Die meist weiblichen Textilarbeiterinnnen schuften in heruntergekommenen Baracken. Ihre Mägen knurren und die Angst sitzt ihnen im Nacken. Die Angst davor, das tägliche Arbeitsziel nicht zu erreichen und gefeuert zu werden. Die Familien dieser Arbeiterinnen sind abhängig von dem Geld, das sie in den Fabriken verdienen. Weil die Fabriken meist viele Kilometer von ihrem Zuhause entfernt sind, leben sie in Wohnsiedlungen neben den Fabriken. Die Mietkosten sind so hoch, dass sie sich nicht selten Geld leihen müssen um diese bezahlen zu können. Um die dadurch entstandenen Schulden abbezahlen zu können, müssen sie umso härten in den Fabriken arbeiten. Das alles klingt nach einem triftigen Kündigungsgrund nicht wahr? Für die meisten ist diese Arbeit jedoch der einzige Weg an Geld zu kommen – auch wenn es der Beginn eines Teufelskreises ist. Außerdem werden ihnen die Pässe abgenommen. Der psychische Druck ist bei vielen so groß, dass keiner an eine Kündigung denkt. Die Wirtschaft in Ländern wie Kambodscha, Vietnam, Indien oder Bangladesch ist stark abhängig von der Textilproduktion. Aus diesem Grund können die Arbeiterinnen und Arbeiter auch von Seiten der Regierung nicht viel Hilfe erwarten.

Was bisher noch ganz außer Acht gelassen wurde, sind die verheerenden Unfälle und Brände, die in den Fabriken passieren. Berichte über diese tragischen Unfälle erreichen uns aber nur sehr wenige. In den Textilfabriken werden Unfalltote nur mit Zahlen und nicht mit Namen aufgezeichnet. Hohe Sanktionen haben die Fabriken ebenfalls nicht zu befürchten. Stirbt ein Arbeiter beispielsweise bei einem Feuer zahlt die Fabrik eine Strafe von US$ 3.-. Das entspricht dem Preis eines Arbeiterlebens.

Natürlich werden die Textilfabriken überprüft. Aber auch da laufen krumme Geschäfte. Manche Firmen haben angestellte Prüfer, die die richtigen Felder auf den Formularen ausfüllen. Andere Fabriken haben Bereiche, die speziell eingerichtet wurden für die Prüfer. In diesen Bereichen arbeiten fröhliche Arbeiter unter herrlichen Bedingungen. In Abstellkammern warten währenddessen schwangere und misshandelte Arbeiterinnen bis sie wieder ihrer Arbeit nachgehen können. Selbst wenn Missstände aufgedeckt werden, ist den Arbeitern nicht wirklich geholfen. Denn dann werden die Fabriken geschlossen und die Arbeiter verlieren ihre Jobs. Sie stehen also wieder ohne Einkommen da.

Die Modeära der heutigen Zeit wird als „Fast Fashion“ bezeichnet. Die Zeit der vier Modesaisonen ist vorbei. Die heutige Mode wartet mit ungefähr 20 Saisonen pro Jahr auf. Die Modewelt hat rasant an Geschwindigkeit zugenommen. Mode wird immer kurzlebiger. Kleidung wird mehr denn je zum Verbrauchsobjekt. Beispielsweise Socken werden zu Einwegprodukten. Manch einer spart sich die Zeit des Wartens vor einer Umkleidekabine. Falls ein Teil nicht passt, ist der Verlust ja nicht groß bei diesen niedrigen Preisen. Jährlich wird fast gleich viel Kleidung weggeschmissen wie neue gekauft wird. Zwei Millionen Tonnen Kleidung landen jedes Jahr auf dem Müll. Natürlich gibt es auch Kleiderspenden aber welcher Designer will, dass sein „It-Bag“ aus der vergangenen Saison in afrikanischen Slums getragen wird? Deshalb vernichten Modehäuser regelmäßig überschüssige Ware. Und das im großen Stil.

Ich liebe Shopping. Beschämt muss ich zugeben, dass sich in meinem Kleiderschrank unzählige asiatische Einreisende die Hand schütteln können. Die Jeans mit dem Label „Made in Kambodscha“ liegt eng gedrängt an dem neuen Top, das einen langen Weg von China hier her gemacht hat. Vor einiger Zeit ist mir das Buch „TO DIE FOR – IS FASHION WEARING OUT THE WORLD?“ von Lucy Siegle in die Hände geraten. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Die Autorin beschreibt auf sehr aufwühlende Art und Weise was hinter der Mode der heutigen Zeit steckt. Ich habe das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen und mein schlechtes Gewissen hat sich ordentlich daran genährt. Seit ich dieses Buch gelesen habe, hat mich PRIMARK nie wieder gesehen. Ich kaufe zwar nach wie vor Kleidung mit Produktionsursprung in Asien aber mein Umgang damit ist um einiges bewusster geworden. Ich bin der Meinung wir alle müssen unser Verhalten gegenüber Mode ändern. Ich als Einzelperson kann nicht viel tun. Aber wir alle können der Mode und denen, die sie herstellen mehr Respekt entgegenbringen. Und vielleicht, eines Tages, können wir mit reinem Gewissen bei Discountern wie PRIMARK einkaufen.

Anmerkung: Die dargelegten Zahlen und Fakten entstammen zu einem großen Teil dem Buch „TO DIE FOR – IS FASHION WEARING OUT THE WORLD?“ von Lucy Siegle.

Bildquelle: http://www.69bboutique.com/media/catalog/product/cache/1/image/9df78eab33525d08d6e5fb8d27136e95/t/o/tod-luc-har-1.jpg

verfasst von Jasmin Düringer

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