Ethikforum 2011: Wie bändigen wir das Kapital?

we grew together

Beim Ethikforum 2011 im Theater Kosmos in Bregenz stellten sich Experten der Frage "Was ist gerecht"? Ulrich Thielemann, Wirtschaftethiker aus Berlin, der eben erst an der HSG in St. Gallen seine Habilitation abgeschlossen hatte, zeigte eindrücklich in seinem Vortrag, wie die Schere seit den 80er Jahren auseinanderdriftet. Die unteren 80% haben real einen Einkommensverlust, wenn man die Inflation in Abzug stellt. Die Gewinner sind die oberen 1%, womit auch der Slogan der #ocuppy Bewegung mit "We are the 99 percent" erklärt ist. In einem Unternehmen Gewinn zu machen und diesen für Investitionen zu nutzen ist in Ordnung, aber der Druck zur "Gewinnmaximierung verletzt das Moralprinzip, unmittelbar und frontal", so Thielemann. 

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In einem zweistündigen Workshop analysieren wir ein Stück weit die Finanz- und Wirtschaftskrise. Das Kapital ist viel zu frei und verlockt zum Zahlenspiel, das keine Werte schafft, es muss gebändigt werden.  Doch wir befinden uns in einer Geiselhaft - Situation: Unbeteiligte stehen plötzlich in Abhängigkeiten, die dadruch bestehen, dass sich die "Spekulationen" als illusionär erweisen und die Blase irgendwann platzen wird. Nach dem Motto: "Wenn wir fallen, reißen wir Euch mit" reduzieren sich die Handlungsspielräume für die WIrtschaft und die Politik. Mit der "Öffnung der Schleusen" durch uneingeschränkten Ankauf von Staatspapieren durch Notenbanken werden kurzfristig zwar Kapitalengpässe behoben und Märkte beflügelt, der Schuldenturm bleibt jedoch beim Volk.

Eine Entwertung wird kommen müssen, entweder durch eine Inflation oder einen Schuldenschnitt quer über alle Staaten. Steueroasen müssen geschlossen werden und Transaktionssteuern sollen die Geschwindigkeit der Finanzmärkte eindämmen.

Doch diese Handlungsoptionen greifen für Prof. Thielemann zu kurz. In einem ausführlichen Blogbeitrag als Nachlese zum Ethikforum macht er klar, dass wir eine neue Programmatik in der Politik benötigen. Einfache Rezepte lösen die Systemfehler nicht. Stattdessen benötgen wir mehr Bildung in Ökonomie, neue Ansätze sowie einen breiten demokratischen Diskurs über die Rolle des Kapitals: "Wir beenden die Politik der «Hofierung» des Kapitals zugunsten einer Politik seiner Bändigung, jedenfalls seiner Relativierung. Dies ist keine «Lösung», kein Rezept, sondern zunächst einmal ein Anspruch, der sich im öffentlichen Diskurs argumentativ bewähren muss." 

Bleibt die Frage, ob wir genügend Zeit für einen solche Auseinandersetzung haben. Anfangen können wir dennoch allemal: nämlich Kapital und Wachstum zu hinterfragen. Und wenn wir auf eine Postwachstumsökonomie hinsteuern wollen, dann kann sehr wohl jede/r beginnen zu üben: weniger konsumieren oder schenken, weniger Auto fahren, nicht fliegen, weniger heizen und dennoch den Spass am Leben nicht verlieren. Denn Ökonomie ist nicht alles im Leben, auch wenn sie in unseren hochentwickelten Gesellschaften eine wichtige Säule für Lebensqualität bleiben wird.

Workshop beim Ethikforum Foto (C) Rinner

Foto: Rinner

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