Der Klima-Lügendetektor

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Der Klima Watchblog
Aktualisiert: vor 5 Stunden 45 Minuten

IG BCE: Unter Realitätsverlust leiden

Do, 2017-03-30 22:36

Die energiepolitische Nachricht am heutigen Donnerstag stammt zweifelsfrei aus der Lausitz. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg vermeldete am Abend:

Es geht um die Zukunft der Lausitz: Vattenfall wollte hier einst neue Tagebaue aufschließen, um auch nach 2030 noch Braunkohle verstromen zu können. Dann brachte dem schwedischen Staatskonzern das Geschäft aber nur noch Verluste ein, weshalb Vattenfall den Laden an tschechische Finanzinvestoren verkauft hatte. Wobei „verkauft“ die falsche Formulierung ist: Die neuen Besitzer hatten 1,7 Milliarden Euro dafür erhalten, dass sie Vattenfall den Laden auch wirklich abnehmen.

Seitdem war spekuliert worden, was die Neuen eigentlich mit dem nun unter dem Namen LEAG firmierenden Unternehmen wollen. Offenbar nicht weiter in Braunkohle investieren. Das mediale Echo auf die heute vorgestellten Pläne ist jedenfalls eindeutig. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten titeln:

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung heißt es:

Selbst in der als Braunkohle-freundlich verschrienen Lausitzer Rundschau wird betont:

Gegen die Zwangsumsiedlung von Menschen muss also nicht mehr protestiert werden? Die Lausitz kommt jetzt endlich zur Ruhe?

Nicht, wenn man der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) glaubt: Deren Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape bezeichnete nämlich heute prompt die vorgestellten Geschäfts-Pläne

Weiter sagt die Gewerkschafterin: Deutschland

Deshalb könnten die Beschäftigten in der Lausitz nun aufatmen:

Fassen wir zusammen: Die Brandenburger Medien berichten darüber, dass jene 3.000 Menschen aufatmen können, die von den früheren Braunkohleplänen Vattenfalls betroffen gewesen wären. Weil sich neue Tagebaue betriebswirtschaftlich nicht rentieren, ist ihre Umsiedlung vom Tisch.

Die IG BCE wiederum frohlockt, dass die 8.000 Beschäftigten der Lausitzer Braunkohle aufatmen können, weil Deutschland die Braunkohle noch für lange Zeit als Eckpfeiler einer bezahlbaren Energieversorgung braucht.

Stoppstopp! Da ist eindeutig viel zu viel Atemluft im Spiel!

Vielleicht liegt das aber daran, dass IG-BCE-Vorständin Petra Reinbold-Knape nicht nur Gewerkschafterin ist, sondern auch noch stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der LEAG-Bergbau-Tochter: Die hat heute das Ende des Tagebau-Projektes Jänschwalde beschlossen und alle anderen auf Eis gelegt.

Die Frau betreibt ein Doppelspiel. Noch bleibt den Finanzinvestoren aus Tschechien schließlich ein Geschäftsmodell erhalten: Mutter des milliardenschweren Unternehmens LEAG ist die Lausitz Energie Verwaltungs-GmbH – eine haftungsbeschränkte Kapitalgesellschaft mit 25.000 Euro Stammkapital.

Die dichtzumachen dürfte ziemlich einfach sein. 1,7 Milliarden blieben dann in der Tasche der Investoren!

Vielen Dank an Julia G. für den Hinweis via Posteo.

Kategorien: Klima

Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie

Do, 2017-03-16 00:24

Michael Miersch hat einen neuen Job. Miersch, Miersch, wer war das nochmal? Genau, die eine Hälfte des Autorenduos Maxeiner & Miersch, das seit mittlerweile zwei Jahrzehnten (vermutlich ganz gut) vom Öko-Bashing lebt. Vor ein paar Jahren war Miersch mal Ressortleiter beim Focus (eine Titelstory damals: „Prima Klima: Die globale Erwärmung ist gut für uns“). Davor hat er in der Welt klima„skeptische“ Thesen verbreitet. Dasselbe tat er lange Zeit auf dem Provokanten-Blog Achse des Guten, den er dann aber – dazu eine ehrliche Gratulation! – unter Protest gegen dessen immer stärkeren Rechtsdrall verließ.

Nun also arbeitet Miersch bei der Deutschen Wildtier-Stiftung als „Leiter Naturbildung“. Und hat heute der Bild ein – nunja, bemerkenswertes – Interview gegeben:

Das Boulevardblatt bietet dem „streitbaren Buch-Autor, Doku-Filmer und Naturschützer Michael Miersch (60)“ eine große Bühne für eine ganze Reihe irreführender und falscher Aussagen. Aber wir wollen hier nur die drei krassesten Passagen genauer anschauen.

So fragt Bild-Reporter Albert Link zum Beispiel nach der Zukunft der Eisbären:

Nun, wer sich hier auf dünnes Eis begibt, ist vor allem der „Leiter Naturbildung“ Michael Miersch. Denn er widerspricht hier ganz kühn der weltweiten Autorität auf dem Gebiet des Artenschutzes, der Weltnaturschutzunion IUCN, die den Eisbären seit langem auf ihrer Roten Liste führt. Und er verbreitet eines der, gähn, ältesten Pseudo-Argumente der Klimawandel-Leugnerszene: Denn die Zahl von weltweit 5.000 Eisbären aus den 1950er Jahren war erstens schon damals umstritten und wurde zweitens im Nachhinein ausdrücklich revidiert.

Zudem hat die zwischenzeitliche Zunahme des Eisbären-Bestandes nichts damit zu tun, dass der Klimawandel übertrieben wird – sondern damit, dass parallel die Jagd auf Eisbären weitgehend verboten wurde. Vor wenigen Wochen erst kam ein Team renommierter Forscher erneut zu dem Ergebnis, dass der Schwund des arktischen Meereises zu einem drastischen Rückgang der Eisbären-Population führen werde. Klar, die Art wird nicht in vier oder acht Jahren komplett ausgestorben sein – insofern ist die Schlagzeile über dem Interview nicht verkehrt. Aber was Miersch hier erzählt, dokumentiert – bestenfalls – seine Inkompetenz.

Auf die nächste Frage antwortet Miersch ähnlich zweifelhaft:

An dieser Antwort ist mehrerlei irreführend: Erstens wird es beim Klimawandel zwar in der Tat „Gewinner und Verlierer“ geben – aber die Zahl der Verlierer dürfte überwiegen, so die übereinstimmende Einschätzung von Forschern und Naturschützern.

Zweitens mag es zwar in Warmzeiten eine größere Artenvielfalt gegeben haben als in Kaltzeiten – aber der gegenwärtige Klimawandel ist weniger wegen seines absoluten Temperaturanstiegs ein Problem für viele Arten, sondern wegen seines Tempos: Er vollzieht sich schlicht zu schnell, als dass sich Tiere und Pflanzen einfach daran anpassen könnten.

Drittens der Palmöl-Boom – klar, der ist ein Problem. Allerdings wird der Rohstoff nicht nur zu Agrosprit verarbeitet, sondern in großem Stil auch zu Lebensmitteln und Kosmetika, weshalb schon seit Jahren eine ganze Reihe von Umweltverbänden dagegen kämpft. Doch nutzen diese, anders als Miersch, das Palmöl-Problem nicht dazu, „den“ Klimaschutz zu diskreditieren.

Es folgt geschickte Anti-Windkraft-Propaganda:

Natürlich darf beim Ausbau der Erneuerbaren der Naturschutz und insbesondere der Vogelschutz nicht aus den Augen geraten. Doch kommt es bei Windkraftanlagen vor allem darauf an, die Standorte sorgfältig auszuwählen, wie beispielsweise der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont.

Miersch hingegen dramatisiert die Zahl der durch Windkraft getöteten Vögel. Seriöserweise sollte er seine (ungefähr wohl stimmende) Zahl von 120.000 weniger mit fiktiven Risiken der Atomkraft vergleichen, sondern mit anderen realen Gefahren: Durch Kollisionen mit Glas (etwa an Gebäuden) nämlich sterben in Deutschland nach Schätzungen des BUND jährlich 1,8 Millionen Vögel. An Hochspannungsleitungen (durch die mitnichten nur Windstrom fließt) kommen pro Jahr laut einem aktuellen Gutachten des Nabu rund 2,8 Millionen Vögel zu Tode. Im Straßenverkehr sind es, so das Bundesamt für Naturschutz, jedes Jahr bis zu zehn Millionen.

Die Schätzungen nochmal zusammengefasst: Im Vergleich mit Windrädern sind Glasflächen für Vögel wohl rund 15-mal so gefährlich, Hochspannungsleitungen rund 23-mal und der Deutschen so heißgeliebtes Auto gar bis zu 80-mal. Doch Miersch zeichnet das Bild vom Vogelkiller Windrad – was selbst sein ehemaliger, bestimmt nicht ökobewegter Arbeitgeber Focus einen „Mythos“ nennt.

So geht es weiter und weiter.

Miersch mokiert sich über eine angeblich übertriebene Angstmache von Umweltschützern und Grünen – die es hier und da sicherlich gibt. Aber als Beleg führt er ausgerechnet das Ozonloch an, über das heute angeblich niemand mehr redet. Miersch verschweigt geflissentlich, dass das Montreal-Protokoll zum Verbot ozonschädigender FCKW und damit der Grund für die sinkende Aufmerksamkeit maßgeblich auf Druck von Umweltschützern zustande kam.

Als weiterer Beleg für die vermeintliche Öko-Hysterie gilt Miersch, dass das Waldsterben „ausgeblieben“ sei und es dem deutschen Wald ja heute „besser denn je“ gehe: Letzteres ist Quatsch, wie ein schneller Blick in den letzten Waldzustandsbericht zeigt (zwar hat sich die Lage bei einigen Nadelbäumen verbessert, bei Laubbäumen hingegen haben die Schäden seit Beginn der Erhebungen 1984 stark zugenommen). Und das Ausbleiben eines noch dramatischeren Waldsterbens ist – wie das kleiner werdende Ozonloch – kein Beleg für ungerechtfertigte Panikmache, sondern ein positives Ergebnis genau dieser Kampagnen der Umweltbewegung.

Irgendwann fragt man sich, was wohl Mierschs Chef zu so viel Demagogie sagt. Schließlich will die Stiftung ja laut ihrer Selbstdarstellung „Wildtiere und ihre Lebensräume fördern und schützen“. Aber dann fällt einem ein, wer den Laden seit fünf Jahren leitet: Fritz Vahrenholt, Deutschlands wohl bekanntester Verharmloser des Klimawandels.

Die beiden verstehen sich bestimmt blendend.

Kategorien: Klima

Weißes Haus: Bei Exxon Mobil abschreiben

Di, 2017-03-07 14:17

Bekanntlich regiert derzeit Donald Trump die Vereinigten Staaten von Amerika. Oder etwa doch nicht?

Das Weiße Haus hat gestern folgende Stellungnahme verschickt:

Unstrittig jedenfalls ist: Trump sitzt jetzt im Weißen Haus, von dort lässt er sich als US-Präsident verlauten. Und er macht das, was er seinen Landsleuten im Wahlkampf angekündigt hatte. Zum Beispiel Jobs schaffen.

Präsident Trump gratuliert Exxon Mobil in seiner Stellungnahme vom Montag zu einem „Arbeitsplätze schaffenden Investitionsprogramm“. Weiter heißt es aus dem Hause des US-Präsidenten:

Nun, das klingt ein bisschen nach Firmen-PR, wenn der Präsident der USA erklärt, Exxon Mobil investiere „strategisch in neue Raffinerie- und Chemieproduktions-Projekte in der Golfküstenregion der Vereinigten Staaten, um seine Produktions- und Exportkapazitäten zu erweitern“. Ist doch klar, schließlich sind strategische Investitionen in der Regel dazu da, um Kapazitäten zu erweitern. 

Schauen wir also bei Exxon Mobil nach, welche Details der weltgrößte Energiekonzern zu seinem Investitionsprogramm verrät:

Ups, das ist ja Wort für Wort das Gleiche!

Das Weiße Haus verzichtet lediglich auf das Wort expansion – Exxon Mobils Erweiterungs-Programm ist in der Sprache des US-Präsidenten einfach nur das Golf-Wachstums-Programm. So, als ob der Chef persönlich Hand angelegt hätte.

„Der Geist des Optimismus fegt durch das Land, und das ist erst der Anfang“, heißt es auf Trumps Facebook-Seite zu dem Investitions-Programm.

Was er damit nun wieder meint!? Vielleicht, dass Exxon Mobil sich demnächst auch die Gesetzestexte im Weißen Haus selber schreibt? Dass die Pipelines „Dakota Access“ und „Keystone XL“ von der US-Administration persönlich gebaut werden wie die Mauer nach Mexiko? Ex-Exxon-Mobil-Chef Rex Tillerson jetzt als US-Außenminister ganz offiziell Politik für die „Vereinigten Aktionäre von Exxon Mobil“ macht? Dass er, Donald John Trump, gar nicht der 45. US-Präsident ist, sondern nur eine Marionette?

Wir werden dranbleiben, versprochen!

Danke an Matthias R. aus Hamburg für den Hinweis.

Kategorien: Klima

INSM: Kirschenpflücken gegen die Energiewende

Mi, 2017-03-01 12:36

Falls Sie mal täuschen wollen, ohne zu lügen, haben wir einen Tipp für Sie: Versuchen Sie es mit Rosinenpickerei! Suchen Sie aus einem großen Fakten-Teig exakt die kleinen Stückchen heraus, die Ihren Vorlieben besonders entsprechen. In der englischen Variante dieser Redewendung werden nicht Rosinen gepickt, sondern Kirschen. Dort spricht man daher von „Cherry Picking“. Die Website SkepticalScience.com, die sich mit Lügen der Klimaleugnerszene beschäftigt, hat diese Argumentationsstrategie mal mit einem hübschen Bild illustriert:

An diesem Baum hängen blaue Kirschen! Oder? Ist das gelogen??

Ein hübsches Beispiel für „Cherry Picking“ liefert gerade die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) – genau, das ist diese pro-kapitalistische Lobbygruppe von Wirtschaftsverbänden, die seit anderthalb Jahrzehnten mit durchaus peppigen PR-Kampagnen für die Interessen von Unternehmen wirbt. Als „Lautsprecher des Kapitals“ hat Die Zeit die INSM mal bezeichnet.

„Die Fehler der Energiewende … und wie sie dennoch gelingen kann“, lautet also der Titel einer aktuellen Kampagne. Auf der INSM-Website findet sich dazu eine sogenannten „Faktensammlung“, die man sich auch als PDF herunterladen kann. Aber komischerweise ist bei den „11 Fakten“ in der Broschüre dann gar nicht mehr die Rede von dem, was ganz groß auf der Startseite der Kampagne steht: „… und wie sie dennoch gelingen kann“. Wir sind ja durchaus neugierig auf Vorschläge für eine bessere, schnellere, preiswertere, die CO2-Emissionen schneller senkende Energiewende – nur lesen wir dazu in der Broschüre irgendwie nichts.

Irgendwo auf der INSM-Website findet sich dann doch noch etwas: nämlich ein Plädoyer für – ja, genau – mehr „Marktwirtschaft“. Im Kern präsentiert die Unternehmenslobby hier etwas, was sie schon vor fünf Jahren mit einer anderen Kampagne propagierte: den Umstieg der Energiewende-Förderung auf ein Quotenmodell. Und schon damals wiesen wir darauf hin, was die INSM ausblendet: Ein solches Modell würde vor allem den großen Energiekonzernen nützen – und kam in Ländern, in denen es eingeführt wurde, deutlich teurer als das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Doch zurück zum Kirschenpflücken, äh, zur Broschüre der INSM mit „Fakten zur Energiewende“. Wirkliche Lügen haben wir darin nicht gefunden – was auch verwunderlich wäre, denn die Initiative beziehungsweise ihre Agentur sind natürlich PR-Profis. Aber wir sind schon über etliche blaue Kirschen gestolpert. Hier nur drei Beispiele:

„Fakt 1″ jammert, die Energiewende werde teuer (wobei das eigentlich der einzige Punkt ist, auf dem die ganze Kampagne und alle elf „Fakten“ herumreiten). Dazu gibt es eine Horrorzahl („520 Milliarden Euro“) und eine Tortengrafik:

Relativ unauffällig darunter steht, dass diese Zahl lediglich eine „Prognose“ ist. Sie stammt aus einer „Studie“, die von der INSM selbst in Auftrag gegeben wurde – und die sicherlich ganz fair und ausgewogen ausfiel und zum Beispiel gegen tatsächliche Kosten der Energiewende gegengerechnet hat, welche Vorteile aus ihr resultieren, etwa die milliardenschwere Ausgabenersparnis beim verringerten Import von Erdöl, Kohle und Gas (laut Bundeswirtschaftsministerium bereits heute 5,8 Milliarden Euro pro Jahr). Außerdem gehört zur Gesamtbilanz des EEG, dass im Gegenzug zur zunehmenden EEG-Umlage der Börsenstrompreis rapide gefallen ist – die Summe aus beiden also mitnichten so stark stieg.

Und wir hätten es ja neben der Grafik zu den EEG-Kosten auch noch ganz spannend gefunden, ein paar Zahlen dazu zu nennen, was in der Bundesrepublik für Strom aus Atomkraft oder fossilen Energieträgern ausgegeben wurde und wird. Greenpeace kam – allein für Atomstrom – schon im Jahr 2010 auf mehr als 300 Milliarden Euro. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) subventionierte die Bundesrepublik allein Öl, Gas und Kohle im Jahr 2015 mit 49,2 Milliarden Euro. Und dass die Atomkraft in Deutschland ein volkswirtschaftlich sagenhaft schlechtes Geschäft war, hat auch die gewiss nicht unternehmensfeindliche Wirtschaftswoche vor einem Jahr vorgerechnet.

Hat man das im Blick, sieht der Kirschbaum schon ein wenig anders aus.

Oder nehmen wir „Fakt 5″ – da beklagt die INSM, die Industrie finanziere „einen großen Teil der Energiewende“:

Das mag ja stimmen – aber wie groß genau ist denn der Anteil der Industrie an den Kosten der EEG-Umlage?? (Dass diese gar nicht gleichbedeutend ist mit den Kosten der Energiewende, lassen wir hier mal beiseite.) Die INSM-Grafik beantwortet die Frage jedenfalls nicht – denn sie zeigt (in Rot natürlich) lediglich den Stromverbrauch der Industrie. Sie verschweigt dabei, dass die Industrie (und am stärksten die energieintensiven Industrien) viel niedrigere Umlagen auf den verbrauchten Strom zahlen als private Haushalte oder kleine Gewerbetreibende. Wie viel die Industrie wirklich zur EEG-Umlage beiträgt, zeigt hingegen diese Grafik der Kollegen vom Strom-Report:

Obwohl sie viel mehr Strom verbraucht als Privathaushalte oder Handwerk und Gewerbe (siehe obere Grafik), zahlt die Industrie viel weniger EEG-Umlage (siehe untere Grafik).

„Fakt 10″ schließlich behauptet, das EEG „verhindert Technologiewettbewerb“. Das klingt, als behindere das bisherige Fördersystem die Weiterentwicklung der Erneuerbaren. Als Beispiel wird die Photovoltaik herangezogen und in einer Grafik wird gezeigt, dass „viele Solaranlagen“ angeblich „wenig Strom“ erzeugen.

Nun ja, dass Solarzellen nur Strom liefern, wenn die Sonne scheint (und dass die Sonne zum Beispiel nachts nicht scheint), ist so banal, dass wir keine millionenschwere INSM brauchen, um das bekanntzumachen. Und natürlich sollte man immer darüber nachdenken, wie eine Überförderung einzelner Technologien oder besonders lukrativer Standorte für Solar- oder auch Windkraftanlagen verhindert werden kann.

Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass der massive Ausbau der Photovoltaik in Deutschland maßgeblich zum beispiellosen Sturz der Kosten für Solarenergie beigetragen hat: Die massenhafte Installation von Photovoltaik-Modulen ließ die Produktionsmengen explodieren und die Preise fallen, inzwischen ist Solarstrom nahezu oder bereits vollständig konkurrenzfähig mit konventionellen Kraftwerken. Von „Deutschlands Geschenk an die Welt“ ist bereits die Rede. Und die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg titelte vor gut zwei Jahren: „Thank Germany for Falling Prices of Solar Panels and Wind Turbines“.

Also, liebe INSM, wir sehen eine ganze Menge rote Kirschen am Baum!

P.S. vom 15. März 2017: Grad stolpern wir über noch ein schönes Zitat zum großen Sinn der deutschen Energiewende und ihrer Kosten, diesmal im US-Wirtschaftsmagazin Forbes: „Dank der großzügigen Vorleistungen Deutschlands zieht heute eine ganze Reihe von Staaten mit – von den USA über China bis Indien – und installiert Solar- und Windkraft im großen Stil. Wenn die erneuerbaren Energien am Ende maßgeblich dazu beitragen den Klimawandel zu bremsen, dürfte die Geschichte die Energiewende als bemerkenswertes Beispiel einer globalen Führungsrolle beurteilen.“

Kategorien: Klima

RWE: Die Welt innogyren

So, 2017-02-19 18:05

Vielleicht gehören Sie ja auch zu den jenen, die derzeit folgende Werbe-Kampagne miterleben dürfen:

Es geht um RWE, diesen fehlgeleiteten und krisengebeutelten Kohlekonzern, der ja zuletzt die Reißleine gezogen hatte und sich aufspaltete – in einen vermeintlich guten Konzern und den bösen Rest. Seit 7. Oktober 2016 ist „innogy“ an der Börse notiert: Die gute Tochter ist zuständig für Netze, Übertragungsstationen, Vertrieb und – nun ja, wenn auch derzeit noch in sehr zartem Umfang – auch für die erneuerbaren Energien.

Zuletzt stieg innogy in den MDAX auf, 76,8 Prozent der Anteile gehören aber weiterhin der bösen Mutter RWE, dem Kohlekonzern, der jetzt noch kohlelastiger geworden ist, weil ja die Offshore-Windparks und das Biomasseheizkraftwerk Wittgenstein mit seinen 5 Megawatt Leistung hinübergewandert sind zu innogy.

Aber seien wir nicht so negativ, gucken wir erstmal, was innogy uns so zu bieten hat!

Nee, Leute, da kommt ihr zu spät! Solaranlagen war damals Geldanlage, als RWE noch voRWEg ging und die Erneuerbaren bekämpfte, wo es nur ging.  Wie lästerte doch gleich der damalige Chef von RWE – vor fast genau fünf Jahren? Solarenergie in Deutschland sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“! Und jetzt wollt ihr daraus eine Geldanlage für uns machen??

Damals sah das Erneuerbare-Energien-Gesetz für kleine Dachanlagen eine Einspeisevergütung von 24,4 Cent je Kilowattstunde vor. Wer konnte, nutzte das – auch – als Geldanlage. In keinem Jahr der bundesdeutschen Geschichte wurde mehr in die Solarkraft investiert als 2012: Damals gingen Anlagen mit 7.600 Megawatt installierter Leistung neu ans Netz, zumeist kommunale oder Bürgeranlagen.

Zum Vergleich: Seit Januar 2017 gibt es 12,7 Cent je Kilowattstunde – gerade mal die Hälfte. Zu wenig, um als „Geldanlage“ für den „kleinen Mann“ zu taugen: So was gilt allenfalls noch für Großinvestoren, seitdem Solaranlagen per Ausschreibemodell finanziert werden müssen – übrigens auch auf Betreiben der neuen innogy-Vorständin Hildegard Müller, die bislang Staatsministerin im Kanzleramt und Cheflobbyistin war.

Zwar liegen die offiziellen Ausbau-Zahlen für 2016 noch nicht vor. Nach unseren internen Auswertungen dürften im vergangenen Jahr aber nicht einmal mehr 1.000 Megawatt Photovoltaik neu ans Netz gekommen sein – der schlechteste Wert seit 2008.

Also, liebe Leute: bittebitte KEINE Solaranlage mehr zur Geldanlage machen. Wer so was behauptet, kappt euch eure Rente.

Gibt es vielleicht noch etwas anderes, dass uns innogy in seiner Werbung bietet?

Ab wann das gilt? Bei dieser Frage wurde Günter Schabowski einst nervös. „Nach meiner Kenntnis ist das, also, gilt das sofort“, sagte der Sekretär für Informationswesen der DDR am 9. November 1989. Wie wir heute wissen, brachte diese kleine Unkoordiniertheit den ganzen schönen DDR-Kramladen zu Fall, die Leute trampelten die Mauer einfach nieder, weil „ab sofort“ jetzt „visafrei bis nach Hawaii“ galt.

Also, RWE: Nachhaltig wird jetzt normal? Ab wann gilt das? RWE sollte schleunigst den Wachschutz seiner Braunkohletagebaue verstärken! Könnte ja sein, dass die Klimaschützer die innogy-Kampagne wörtlich nehmen!! Werden die massenhaften Verfahren gegen die Tagebau-Besetzer jetzt eingestellt? Zahlt RWE jetzt seine Klimaschuld in Peru ab? Fragen über Fragen!

Zum Beipiel diese: Gibt es in der innogy-Kampagne wenigstens ein Motiv, das nicht glatt gelogen ist?

Vorsicht! Die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen warnt dringend vor diesem Angebot! Es ist nämlich deutlich teurer als das von echten Öko-Stromanbietern! Und eine Mogelpackung.

Genauso wie die ganze innogy-Werbung, die derzeit in der Stadt rumhängt.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2017 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.

Kategorien: Klima

Brigitte Zypries: Auf zu vier Prozent!

So, 2017-02-05 20:47

Das kann Brigitte Zypries gar nicht gewollt haben! Oder vielleicht doch? Gerade eine Woche im Amt, feiert die neue Bundeswirtschaftsministerin die Energiewende schon als „unsere Erfolgsgeschichte“:

20 Seiten Erfolgsbilanz über 25 Jahre Klimaschutz in Deutschland (unter anderem als Beilage in der Süddeutschen Zeitung und der taz)!

Na, dann gucken wir doch mal, was die bisherige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, zuständig für die Bereiche IT, Luft- und Raumfahrt, weiß, was wir nicht wissen:

Wow!

25 Jahre bundesdeutsche Klimaschutz-Politik, der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft und der „kontinuierliche Ausbau der erneuerbaren Energien“ haben eine Treibhausgas-Reduktion von 27 Prozent gebracht! Das ist ja sogar mehr als 1 Prozentpunkt jedes Jahr!!!

Brigitte Zypries weiter:

Um unser Klimaziel zu schaffen, müssen wir jetzt lediglich noch 4 Prozentpunkte Treibhausgas pro Jahr einsparen. Also nur noch 4 Prozentpunkte jedes Jahr. Sozusagen JÄHRLICH 4 Prozentpunkte. Viermal mehr als zuletzt. (Eigentlich sogar 5 Prozentpunkte, denn wir wollen ja in den kommenden Jahren auch noch die treibhausgasarmen AKWs stillegen, in diesem Jahr den Block Gundremmingen B und 2019 das Atomkraftwerk Philippsburg.)

Denn obwohl die Energiewende ja so eine Erfolgsgeschichte ist – die Treibhausgasemissionen sind seit 2014 nur noch gestiegen!

4 Prozentpunkte Treibhausgas-Reduktion jährlich: Würden wir 2017 wirklich um 4 Prozentpunkte reduzieren, kämen wir auf minus 31 Prozent gegenüber 1990.

Minus 4 Prozentpunkte im Jahr 2018 würden Deutschland auf ein Reduktionsniveau von 35 Prozent bringen. Gelängen 2019 auch noch einmal 4 Prozentpunkte Reduktion, wäre das deutsche Klimaziel gerissen: Bis 2020 wären dann nur 39 Prozent der deutschen Emissionen eingespart. Obwohl doch 40 Prozent versprochen waren.

Die deutsche Energiewende wäre dann eben keine Erfolgsgeschichte, sondern die jahrelange Fortschreibung politischen Versagens. Sigmar Gabriel (SPD) hat sich dessen genauso schuldig gemacht wie Philipp Rösler, Rainer Brüderle, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Michael Glos. Rein statistisch gesehen haben diese Herren jährlich 1 Prozentpunkt Treibhausgase eingespart.

Brigitte Zypries müsste ihre Anstrengungen vervierfachen, sollte

werden genauso wie das deutsche Klimaziel.

Nun: Geben wir ihr die Gelegenheit!

Herzlichen Dank für den Hinweis
an Wilfried C. aus Ulm und Konstanze B. aus Hof!

Kategorien: Klima