Der Klima-Lügendetektor

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Der Klima Watchblog
Aktualisiert: vor 14 Stunden 41 Minuten

Bundesregierung (CDU/SPD): Reduktion vergessen

Mi, 2017-11-15 08:08

Folgende Zeitungsanzeige erreichte uns mit Bitte um Prüfung:

Klimaschutz ist Unabhängigkeit?

Echt jetzt?

Es geht um Solarkioske, die in Berlin hergestellt und in Afrika aufgestellt werden, damit die Menschen dort in ländlichen Regionen Zugang zu Strom bekommen.

Es geht um eine Kampagne der Bundesregierung, die auf die diesjährige Weltklimakonferenz COP 23 aufmerksam machen will, die noch bis 17. November in Bonn stattfindet.

Und es geht um das Bundesumweltministerium, das die Verbreitung der Solarkioske mit einer Summe von 160.273 Euro fördert.

Im Interview zur Klimakonferenz hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) den Stuttgarter Nachrichten gerade gesagt:

Allerdings muss Hendricks einräumen, dass die Bundesrepublik vor allem von dem Ruhm zehrt, „dass wir es waren, die die erneuerbaren Energien weltweit marktfähig gemacht haben“.

Vielleicht enthält die Kampagne der Bundesregierung zur diesjährigen Klimakonferenz deshalb auch den Slogan „Klimaschutz ist Strom“. Beworben wird das solarthermische Kraftwerk „India One“, das Deutschland mit sechs Millionen Euro fördert.

Außerdem heißt es in der Kampagne auch noch „Klimaschutz ist Antrieb“ und „Klimaschutz ist Leben“. Die Kampagne soll

setzen, schreibt die Bundesregierung. Knapp 200 Millionen Euro stellt sie insgesamt dafür bereit.

Aber, liebe Regierung, sagt bitte: Fehlt da nicht irgendwas? Ist Klimaschutz denn nicht vor allem, Treibhausgase zu reduzieren? Bedeutet Klimaschutz denn nicht, den Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu stoppen? Fehlt also der Slogan „Klimaschutz ist Reduktion“?

Barbara Hendricks räumt im Interview immerhin indirekt ein, dass da etwas dran ist. Sie sagt:

Allerdings hat die zuständige Ministerin während ihrer Dienstzeit den Slogan „Klimaschutz ist Reduktion“ genauso vergessen wie alle anderen Mitglieder der Bundesregierung: In ihrem ersten Dienstjahr stieß Deutschland 904 Millionen Tonnen Treibhausgase aus, im vergangenen Jahr waren es schon 906 Millionen, Schätzungen für dieses Jahr gehen von über 911 Millionen Tonnen aus.

Die Reduktion von Treibhausgasen – das hat diese Bundesregierung glatt vergessen!

Vielen Dank an Jonathan R. aus Berlin für den Hinweis

Kategorien: Klima

A. Laschet (CDU): Mit gespaltener Zunge reden

Sa, 2017-11-11 11:40

Oh Nein!

Armin Laschet dürfte gar nicht erfreut sein.

Das ist noch untertrieben: Armin Laschet wird sicherlich fuchsteufelswild sein. Hat doch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen für die derzeit in Bonn tagende UN-Klimakonferenz folgende Botschaft ausgegeben:

Heute ist Halbzeit bei der UN-Klimakonferenz COP 23: Ziel der in Bonn tagenden 11.300 Klimadiplomaten ist es, ein Regelbuch für das Pariser Klimaabkommen zu formulieren. Nicht gerade sehr ambitioniert und trotzdem gibt es – oje. oje – jede Menge Streit um die Details nach der ersten Verhandlungswoche. Also nicht wie der Ministerpräsident fordert:

Gemeinsam.
Schneller.
Weiter.

Für Armin Laschet muss es schneller gehen. Gemeinsam! Und schnell weiter. Gemeinsam schnell weiter. Sagt Armin Laschet. Denn

Logisch, dass man als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen angesichts des Tempos der Klimadiplomatie ungeduldig wird. Laschet selbst schließlich schultert ja gleich mehrere Jobs. Neben dem Ministerpräsidentenposten schaltet er sich auch aktiv in die Klimaverhandlungen ein und ist obendrein auch noch in Berlin einer der CDU-Chefunterhändler bei den Sondierungsgesprächen für eine mögliche Jamaika-Koalition auf Bundesebene. Und dort ist

Der Ministerpräsident aus der „Weltklimahauptstadt“ will sich nicht auf einen Ausstieg aus der Kohle vor dem Jahr 2045 festlegen lassen.

Hä? Wenn Laschet für den Klimaschutz

Gemeinsam.
Schneller.
Weiter.

wirklich etwas bewirken will, dann müsste er doch schon 2025 zumindest aus der Braunkohle aussteigen?

Gemeinsam: Weil Deutschland der mit Abstand weltgrößte Braunkohleverstromer ist und Braunkohle der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger.

Schneller: Weil die Bündnisgrünen ja erst 2030 einen kompletten Kohleausstieg wollten – und davon nun in den Jamaika-Verhandlungen auch noch abgerückt sind.

Weiter: Weil das UN-Umweltprogramm UNEP uns sagt, dass die bislang formulierten Klimaziele – unter anderem auch die der Bundesrepublik – nicht ausreichen, um eine gefährliche Verwerfung unseres Klimas zu verhindern. Deshalb muss auch Deutschland schneller mehr für den Klimaschutz tun, um gemeinsam mit der Weltgemeinschaft das Problem zu lösen.

Man kann sich den Bonner Armin Laschet und den Berliner Armin Laschet nur so erklären: Der Mann hat eine gespaltene Zunge.

Danke an Jörg H. aus Bonn für den Hinweis!

Kategorien: Klima

Neues aus dem Fundus (VII): Wie Grünwaschen entsteht

Mo, 2017-11-06 17:59

„Ökowerbung ist angesagt, besonders in Zeiten von Klimagipfeln: Die grüne Bahncard, der Bioburger von McDonald’s, der klimaneutrale Brief der Post.“

So hatte das Mittagsmagazin von ARD und ZDF in einem Beitrag über den Klima-Lügendetektor vor zwei Jahren berichtet:

Und? Ist irgend etwas besser geworden?

Heute begann wieder ein Weltklimagipfel – COP 23 findet in Bonn statt, weil es auf den Fidschi-Inseln, eigentlich Gastgeber in diesem Jahr, keine geeigneten Konferenzräume für geschätzte 20.000 Teilnehmer gibt.

Die deutsche Regierungsdelegation reiste mit einem Sonderzug der Deutschen Bahn, dem „Train to Bonn“ nach Bonn, wie schon vor zwei Jahren, als Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) mit ihrer Entourage mit dem „Train to Paris“ zur COP 21 anreiste. Diesmal sagte die Bundesumweltministerin im Zug: Die Bahn

In Bonn wohlgemerkt sitzt bis heute jenes Ministerium, das für den weltweiten Klimaschutz so wichtig ist und das Barbara Hendricks seit vier Jahren leitet: Deutschland hat sich schon 1991 als viertgrößter Klimasünder der Welt zu seiner Verantwortung bekannt und eine Vorreiterrolle beschlossen. Bis 2020 will die Bundesrepublik ihre Treibhausgas-Produktion um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Und weil es eben jemanden braucht, der zeigt, dass Klimaschutz geht OHNE wirtschaftlich in die Steinzeit zurück versetzt zu werden, ist das Erreichen des deutschen Klimaziels so wichtig.

Als Richtschnur.

Als Modell.

Als strahlendes Beispiel, dass es gelingen kann und dem man nacheifern sollte.

Hendricks übernahm die Leitung des Ministeriums im Dezember 2013. In ihrem ersten Dienstjahr stieß die Bundesrepublik 904 Millionen Tonnen Treibhausgase aus, im vergangenen Jahr waren es schon 906 Millionen, Schätzungen für dieses Jahr gehen von über 911 Millionen Tonnen aus.

Man muss also konstatieren: Diese Ministerin hat den weltweiten Klimaschutz nicht vorangebracht, sondern gestoppt. Hören wir doch nochmal zu, was sie im „Train to Bonn“ erklärte:

Mit dem klimafreundlichen Sonderzug? Und mit der dazugehörigen „Ökowerbung“ der Deutschen Bahn?

Nochmal zu den Fakten: Unter Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist Deutschland zum Weltmeister im Kohlestrom-Export geworden. Der Strommix der Deutschen Bahn ist nur minimal klimafreundlicher als der im bundesweiten Durchschnitt – jedenfalls in der Summe des Gesamtkonzerns mitnichten „klimaneutral“. Und dank der Deutschen Bahn wird nun sogar noch ein neues Kohlekraftwerk ans deutsche Netz gebracht.

Die Klimakonferenz in Bonn, der klimaneutrale „Train to Bonn“: Wie hieß es doch gleich nochmal im Beitrag des Mittagsmagazins von ARD und ZDF vor zwei Jahren?

„Die Strategie von Greenwashing ist, besser dazustehen, als man eigentlich dasteht.“

PS: Es sind die Leser, die seit Oktober 2011 die Arbeit des Klima-Lügendetektors ermöglichen. Wenn Sie wollen, das unser Team weiter dranbleibt an den Halbwahrheiten und den Lügen einer der mächtigsten Wirtschaftszweige der Welt, dann unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.

Kategorien: Klima

Die Bahn: Mit Kohlestrom das Klima schützen

Mi, 2017-10-25 15:27

Juchhu!

„Die Deutsche Bahn setzt sich ein neues ehrgeiziges Klimaschutzziel.“

Das hat die Deutsche Bahn in dieser Woche erklärt. Nämlich dieses neue ehrgeizige Klimaziel hier:

„Wir werden bis 2030 den spezifischen CO2-Ausstoß weltweit um mindestens 50 Prozent reduzieren. Das ist ein großer Schritt auf dem Weg zum komplett klimaneutralen Konzern, der wir 2050 sein werden“, sagte der neue Bahnchef Richard Lutz im Vorfeld der Bonner UN-Klimaschutzkonferenz.

So ganz ist dem Klima-Lügendetektor nicht klar, was „neu“ oder „ehrgeizig“ am jetzt gemeldeten Klimaschutzziel der Deutschen Bahn ist. Schlagzeilen wie „Neues Klimaschutzziel“ kommen bei der Bahn häufiger vor, die Süddeutsche Zeitung berichtete schon 2012, dass die Bahn bis 2050 komplett CO2-frei werden will, woraus sich zwangsläufig Zwischenschritte wie der jetzt angekündigte ergeben müssen.

Aber darum soll es diesmal gar nicht gehen. Interessanter finden wir nämlich das hier:

Es geht um ein Kohlekraftwerk, dass Eon seit elf Jahren baut und gegen das Klimaschützer seit elf Jahren kämpfen, weil im 21. Jahrhundert wegen des Klimaschutzes einfach keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden dürfen. So hatte zum Beispiel der Umweltverband BUND geklagt – und Recht bekommen.

Nun aber, fast gleichzeitig mit der Bekanntgabe des neuen ehrgeizigen Klimaziels der Deutschen Bahn, produziert die „Industrieruine“ wohl doch noch Strom:

Mittlerweile ist aus diesem Teil des Eon-Konzerns der neue Kohlekonzern Uniper geworden. Mit 1.100 Megawatt Leistung wäre Datteln IV eines der größten Kohlekraftwerke in Deutschland – und das genaue Gegenteil von Kohleausstieg. Denn solche Großprojekte müssen oft 40 Jahre laufen, bis sie sich amortisiert haben. Im Fall von Datteln IV wäre das bis ins Jahr 2058.

Heißt es nicht immer, Kohlestrom lasse sich nicht mehr verkaufen?

Aber sicher doch! Zum Beispiel an die Deutsche Bahn. In Datteln IV nämlich entsteht „die weltweit leistungsstärkste Bahnstromumrichteranlage, die nach Fertigstellung und Inbetriebnahme“ Kohlestrom so umwandelt, dass er ins 16,7-Hertz-Stromnetz der Deutschen Bahn einspeist werden kann, wie es auf den Seiten von Uniper heißt.

„Wir können bis zu 413 Megawatt Bahnstrom liefern“, erklärt uns eine Sprecherin des Konzerns – zu Hauptverkehrszeiten betrage die von der Bahn benötigte Spitzenleistung 1.600 Megawatt.

Wie jetzt: Die Deutsche Bahn lässt sich ein Viertel ihres Stromes aus einem Kohlekraftwerk liefern, das gerade erst ans Netz geht und bis 2050 something laufen wird? Das können die doch nicht machen! Die Deutsche Bahn hat sich doch gerade ein neues ehrgeiziges Klimaziel gegeben!!!

Schriftlich teilt eine Bahnsprecherin mit: „Die Kohle wird auch mit dem neuen Klimaschutzziel 2030 weiter Anteile im Bahnstrommix behalten. Hintergrund sind auch langfristige vertragliche Verpflichtungen und die stabil und zuverlässig abgesicherte Bahnstromversorgung.“

Langfristige Lieferverträge also, die es leider nicht ermöglichen, noch ehrgeizigere Klimaziele auszurufen?

Das haben wir aber ganz anders in Erinnerung! Vor zwei Jahren nämlich berichteten Fachmedien wie das Handelsblatt:

Donnerwetter! Einfach mal ein Kohlekraftwerk abschalten – die Deutsche Bahn hätte vor zwei Jahren einen echt ehrgeizigen neuen Schritt beim Klimaschutz wagen können. Vermutlich hat sie dem aber damals bessere Lieferbedingungen für den Kohlestrom vorgezogen!

PS: Im Jahr 2015 bezog die Deutsche Bahn ihren Strom zu 39,5 Prozent aus Atomkraftwerken und zu 15 Prozent aus Kohlekraft. Damit schlug der Bahnstrom mit 429 Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde zu Buche – lediglich 47 Gramm weniger als im allgemeinen Stromnetz der Bundesrepublik.

Die Deutsche Bahn ist Mitbesitzerin des Atomkraftwerks Neckarwestheim, sie bezieht jährlich 1,7 Milliarden Kilowattstunden aus dem Reaktor Neckarwestheim 2, etwa ein Sechstel der dortigen Erzeugung oder mehr als zehn Prozent des gesamten Bahnstrombedarfs. Gemäß Atomausstiegsplan wird Neckarwestheim 2 spätestens am 31. Dezember 2022 vom Netz genommen, die Bahn braucht dann andere Bezugsquellen.

Vielen Dank an Christian V., Matthias B. und Nina B. für ihre Hinweise!

Kategorien: Klima

ExxonMobil: Mit den Algen spielen

Mi, 2017-10-18 21:30

Neuerdings wirbt ExxonMobil dafür, eine Lösung für das Klimaproblem gefunden zu haben. Ausgerechnet jener Ölmulti, der weltweit die fünftgrößte Quelle von Treibhausgasen ist. In Zeitungsanzeigen (uns wurde ein Ausriss aus der Berliner Zeitung zur Prüfung eingereicht) und in den sozialen Medien geht es um

„Die könnten in Zukunft“ – verspricht ExxonMobil im Werbespot – „Treibstoff produzieren“

dabei auch noch

Unsere Leser Frank B. aus Potsdam und Jonathan R. aus Berlin wollen wissen, was davon zu halten sei.

Nun: Beachten wir zunächst das Wörtchen „könnten“, das ExxonMobil in seiner Werbung benutzt! Algen könnten in Zukunft Treibstoffe produzieren.

Tatsächlich nämlich setzt der Konzern bereits seit Sommer 2009 auf die Algen. Damals stellte er 600 Millionen US-Dollar bereit, um beim Startup Synthetic Genomics einzusteigen. Denn das System ist wirklich interessant für den Klimaschutz:

Alge + H2O + Kohlendioxid + Sonnenlicht = noch mehr Algen + pflanzliche Öle und Sauerstoff.

Nur: Wohin mit all den Algen?

ExxonMobil schreibt: „Algen können eine facettenreiche und hochgradig wünschenswerte, nicht essbare Quelle der wichtigen erneuerbaren Moleküle sein, die zur Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation verwendet werden können.“

Da kommt gleich zweimal in einem Satz das Wörtchen „können“ vor. Und auch im nächsten Satz ist es zu finden: „Einige Algenarten können so optimiert werden, dass sie Biodiesel-Vorstoffe produzieren.“

Dummerweise ist das den Forschern aber in den vergangenen acht Jahren nicht gelungen, sodass ExxonMobil sich 2013 eigentlich entschlossen hatte, die Sache aufzugeben, dann aber doch dabei blieb.

In diesem Sommer nun gab der Konzern – Jahresgewinn zwischen 7,8 und 45 Milliarden Dollar in den letzten 15 Jahren – bekannt, dass sich die lumpigen 600 investierten Millionen Dollar vielleicht doch gelohnt haben: Jetzt könnte der technologische Durchbruch gelungen sein. „Die Herausforderung besteht nun darin, Algen zu finden und zu entwickeln, die Bio-Öle kostengünstig und in großen Mengen produzieren können“, erklärt Vijay Swarup, Vizeforschungschef von ExxonMobil. Der Weg in die Zukunft ist also noch weit.

Was das Ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot. Begründung: Das gesamte CO2, das die Algen zuvor gebunden haben, gelangt bei der Verbrennung des Treibstoffs ja wieder zurück in die Atmosphäre. Also ein Nullsummenspiel.

Nun verspricht ExxonMobil dieses Mal allerdings lediglich, dass Algen in Zukunft modernen Biosprit herstellen könnten – und dass der CO2-Ausstoß damit „reduziert“ wird, was verglichen mit Treibstoffen aus Tiefseeöl sicherlich nicht falsch ist.

Könnte, also! Wir vermuten, dass der Hintergrund für die Algenoffensive von ExxonMobil sowieso ein anderer ist: Auf der diesjährigen Jahreshauptkonferenz hatten 62 Prozent aller Aktionäre verlangt, dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung – die sogenannte „Carbon Bubble“ – auf das ExxonMobil-Geschäftsmodell untersucht werden. Im Jahr davor waren es erst 38 Prozent, bei den Aktionären ist das Thema also mehrheitlich angekommen.

Nun kommt raus: Das Management des Ölgiganten kümmert sich. Seit Jahren. Mit Algen. Und mit Anzeigenkampagnen, die damals behauptet haben: „Das Wissen über den Klimawandel ist zu unzuverlässig, um einen Aktionsplan anzuordnen, der Volkswirtschaften in Aufruhr versetzen würde.“

Vielen Dank für den Hinweis an Frank B. aus Potsdam
und an Jonathan R. aus Berlin

Kategorien: Klima

Yello Strom: Grüne Werbung, graue Wirklichkeit

Di, 2017-10-10 09:06

Folgende Anfrage zum Stromanbieter Yello hat den Klima-Lügendetektor kürzlich erreicht:

Spannende Frage: Was ist von Yello zu halten?

Zunächst: Die Yello Strom GmbH ist eine reine Vertriebstochter der EnBW Energie Baden-Württemberg AG. Yello Strom produziert also selbst keinen Strom, sondern handelt nur damit – die Firma verkauft also nur Strom weiter, den sie anderswo einkauft. Vor ein paar Jahren noch wäre die Antwort auf unsere Leserfrage sonnenklar gewesen: EnBW war einmal ein Atomkonzern. Kein deutscher Stromversorger sei so abhängig von Atomstrom wie dieser, schrieb damals die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Als die Tochterfirma Yello damals mit einer millionenschweren Werbekampagne (und extrem hohem Atomanteil im Strommix) auf den Markt drängte, warnten Umweltverbände: Yello strahle, Atomstrom sei gelb (so damals und auch heute noch die Firmenfarbe). Aber Yello war billig, Yello hatte Erfolg.

Dann kam Fukushima, die Atomwende von Kanzlerin Angela Merkel. EnBW musste in Neckarwestheim und Philippsburg je einen Reaktorblock abschalten. Früher und schneller als die drei anderen Stromriesen Eon, RWE und Vattenfall schwenkte EnBW auf Energiewende-Kurs ein. Doch mit Neckarwestheim 2 und Philippsburg 2 betreibt das Unternehmen auch heute noch zwei Atomkraftwerke. Dazu befeuert EnBW einige riesige Fossilkraftwerke, etwa in Karlsruhe. Statt wirklich konsequent auf Grünstrom umzusteigen, baute die EnBW noch bis 2015 den Block 9 in Mannheim – mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt gilt er als größtes Steinkohlekraftwerk Deutschlands. Zwar hält sich EnBW schon lange eine Ökostromtochter – NaturEnergie –, die mit der Vermarktung von Strom aus 100 Prozent Wasserkraft wirbt. Aber die komplette Neuausrichtung des gesamten Unternehmens beschloss EnBW erst vor wenigen Wochen.

Und auch Yello setzt jetzt voll auf Ökostrom? Jedenfalls bekam dies nicht nur unser Leser am Werbestand in seiner Fußgängerzone zu hören, auch auf der Firmenwebsite ist es zu lesen:

Natürlich begrüßen wir jede Anstrengung, die Elektrizitätsversorgung auf hundert Prozent Ökostrom umzustellen. Allerdings finden wir: Wenn man als Kunde einen Unterschied machen und tatsächlich „einen wertvollen Beitrag zur Energiewende“ leisten will, dann sollte man auf zweierlei achten:

1. Fließt das Geld aus meiner Stromrechnung wirklich zu hundert Prozent in Ökostrom?

2. Und sorgt mein Geld dafür, dass neue Ökostrom-Anlagen entstehen?

Und, sorry, auf beide Fragen können wir keine positive Antwort geben. Bei der EnBW fließt (siehe oben) momentan leider immer noch nicht alles Geld in erneuerbare Energien. Und Yello bietet zwar Ökostrom an, daneben aber vertreibt das Unternehmen munter auch dreckigen Kohle- und gefährlichen Atomstrom. Schaut man sich die gesetzliche Stromkennzeichnung auf der Firmenwebsite an, dann ist die Unternehmens-Gesamtbilanz (ganz rechts) nicht grün, sondern ziemlich grau: Gut ein Fünftel des Strommixes stammt immer noch aus Kohlekraftwerken und gut ein Viertel aus Atomreaktoren. Hundert Prozent Ökostrom geht jedenfalls anders!

Die zweite Frage beantwortet die Yello-Website leider nicht. Warum sie wichtig ist, haben wir schon vor ein paar Jahren erklärt, kurz gesagt: Der tatsächliche und zusätzliche Umweltnutzen von Ökostrom entscheidet sich daran, ob durch seinen Bezug der Neubau von Erzeugungsanlagen angeregt wird. Stammt der Strom hingegen lediglich als alten, längst bestehenden Anlagen, bringt das dem Klima wenig.

Schauen wir also mal nach: Yello stellt auf der Firmen-Homepage zwar ein „Ökostrom-Zertifikat“ des TÜV Nord zum Herunterladen bereit – aber woher genau der Strom kommt, geht daraus nicht hervor. Ziemlich kryptisch ist auf der Website lediglich von

die Rede. Also kontaktieren wir die Yello-Pressestelle und fragen, woher genau denn der vertriebene Ökostrom stammt und wie alt die Anlagen sind. Beim renommierten ok-power-Siegel für hochwertigen Ökostrom zum Beispiel ist für eine Zertifizierung nach dem sogenannten „Händlermodell“ Bedingung, dass mindestens ein Drittel des vertriebenen Stroms aus Anlagen eingekauft wird, die jünger als sechs Jahre sind. Die Idee dahinter: Das Stromgeld der Kunden regt den Bau von Neuanlagen an – nach spätestens sechs Jahren muss zumindest ein Teil des bezogenen Ökostroms aus sauberen Kraftwerken stammen, die wegen der Nachfrage des Kunden entstanden sind.

Wie reagiert die Yello-Pressestelle? Wir bekommen zwar freundliche Antworten, die allerdings – trotz mehrerer Nachfragen – letztlich lückenhaft bleiben. Mehr sei, heißt es zur Begründung, aus „Rücksichtnahme auf wettbewerbsrelevante Kennzahlen“ nicht möglich. Hm. Woher genau in Europa der Yello-Ökostrom kommt (billig auf dem Markt sind betagte schwedische Wasserkraftwerke), erfahren wir leider nicht. Erhalten aber irgendwann zumindest das Eingeständnis:

Ah, ja. Nach dieser Antwort der Pressestelle bleibt aber doch ein Rätsel (Achtung, jetzt wirds technisch): Wie erwähnt präsentiert Yello auf seiner Website stolz ein TÜV-Zertifikat für seinen Ökostrom. Auf diesem ist zu lesen, dass der vertriebene Strom den Kriterien des VdTÜV-Merkblatts 1304 entspreche. Dort wiederum ist (in Punkt 4) festgelegt, dass „die Förderung einer nachhaltigen Energieversorgung … eine wesentliche Zielsetzung des anbietenden Unternehmens sein“ müsse, was „beispielsweise durch die Beteiligung am Bau und Betrieb von Energieerzeugungsanlagen für Erneuerbare Energien“ nachgewiesen werden könne.

Moment, die Yello Strom GmbH erzeugt doch gar keinen Strom!? Wie kann sie sich dann an Bau und Betrieb neuer Ökostrom-Anlagen beteiligen? Auch das fragen wir die Pressestelle, und am Ende unseres Mailwechsels kommt schließlich diese Antwort:

Wenn die Unternehmensmutter Windparks baut (was sie zweifelsfrei tut und was wir ausdrücklich loben wollen), ist es also egal, was die Tochter macht?

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Was ist von Yello-Ökostrom zu halten? Nun, wir halten nichts davon. Denn wir können leider nicht erkennen, wie durch den Bezug ein echter Anreiz für den Bau neuer Ökostrom-Anlagen ausgeht, wie also momentan durch Yello-Ökostrom die Energiewende tatsächlich vorangebracht würde. Will man mit seiner Stromrechnung garantiert und direkt zum Ausbau der Erneuerbaren beitragen, dann würden die eingangs erwähnten 50 Euro an Yello wenig nützen – sondern dann muss man wohl schon etwas mehr und vor allem an andere Anbieter zahlen.

Danke an D.P. für die Anfrage.
Der Hinweis unseres Partnerportals klimaretter.info auf hochwertige Ökostrom-Anbieter findet sich HIER

Kategorien: Klima

Alexander Gauland (AfD): Oldies gegen’s Klima

Fr, 2017-09-22 10:53

Noch ist Wahlkampf, deshalb – sehen Sie es uns bitte nach – hier schon wieder ein politisches Thema: Im ZDF lief gestern Abend die „Schlussrunde“, die wohl letzte TV-Debatte von Spitzenpolitikerinnen und -politikern vor dem Sonntag. Und, oh Wunder, zehn Minuten vor Schluss dieser Schlussrunde sprachen die Moderatorinnen ENDLICH mal das Zukunftsthema Klimawandel an (ab 1:19:40 in diesem Video):

Doch das Wort erhielt dann ausgerechnet Alexander Gauland (AfD). Einer seiner Parteigenossen, der Berliner Landeschef Georg Pazderski, war im vorhergegangenen Einspielfilm mit der Behauptung aufgetreten, es sei ja gar nicht nachweisbar, dass der gegenwärtige Klimawandel menschengemacht ist.

Weder diese These noch jene, die Gauland im Folgenden vorbrachte, waren irgendwie originell. Die beiden älteren Herren schnurrten einige der ältesten Oldies der Klimaleugnisten-Szene herunter – weshalb wir hier gar nicht viel Arbeit haben, sondern einfach auf einige der dutzendfachen Widerlegungen verlinken können:

Nein, liebe Herren, es ist belegt, dass der Mensch hauptverantwortlich für den gegenwärtigen Klimawandel. Nur mit dem Effekt seiner Treibhausgas-Emissionen lässt sich die längst zu beobachtende Erderhitzung schlüssig erklären.

Und nein, Herr Gauland, dass sich das Erdklima schon immer wandelte, sagt nichts über die Ursache der gegenwärtigen Erderhitzung. Eine kleine Analogie: Wenn Sie vor einem umgesägten Baum stehen, sagen Sie dann auch, das könne kein Mensch gewesen sein, denn schon immer seien doch bei Stürmen Bäume umgefallen?

Witzigerweise bekam es Gauland aber nicht einmal hin, die alten Schallplatten der Klima-Leugnisten korrekt aufzulegen, sondern machte aus zwei weiteren Oldies ein krudes Medley: „Deutschland ist für zwei Prozent des CO2-Ausstoßes in der Welt verantwortlich“, so Gauland, „für zwei Prozent! Und von diesen zwei Prozent sind 95 Prozent nicht menschengemacht …“ Herrje, beide Zahlen für sich genommen sind ja nicht mal ganz verkehrt: In der Tat verantwortet die Bundesrepublik direkt gut zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, und in der Tat ist der menschengemachte CO2-Ausstoß relativ gering im Vergleich zu natürlichen Emissionen, etwa Ausgasungen aus Böden und Weltmeeren. Aber zusammengerührt sind beide Zahlen wirklicher Quatsch. Herr Gauland muss wohl mal seine Plattensammlung sortieren.

Was er mit den beiden (unter Leugnisten beliebten) Zahlen suggerieren wollte, ist ebenso falsch: Auch mit relativ geringen Mengen CO2 bringt der Mensch den natürlichen Kohlenstoffkreislauf aus dem Gleichgewicht und sorgt so für den gefährlichen Temperaturanstieg auf der Erde. Und obwohl die deutschen Emissionen nur einen Bruchteil der weltweiten ausmachen, ist es natürlich sehr wichtig, was hierzulande passiert. Politisch und diplomatisch betrachtet: Wenn Deutschland seine Emissionen nicht senkt, werden andere – auch ärmere – Länder es erst recht nicht tun. Und ökonomisch betrachtet: Die milliardenschweren Investitionen in erneuerbare Energien (egal ob sie ausreichen, das deutsche Klimaziel zu erreichen, oder nicht) haben einen weltweiten Effekt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Solarpaneele und Windräder heute so billig sind und neue Kohle- oder Atomkraftwerke preislich locker unterbieten. Nicht irgendein Öko-Träumer, sondern die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg schrieb deshalb völlig zutreffend schon vor Jahren:

Aber klar, der Welt (oder dem Weltklima) etwas Gutes zu tun ist einem National-Populisten wie Alexander Gauland vollkommen schnuppe.

Danke an Katrin R. aus Berlin für den Hinweis

Kategorien: Klima