Der Klima-Lügendetektor

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Der Klima Watchblog
Aktualisiert: vor 11 Stunden 44 Minuten

Öl: Aus den Überlegungen streichen

Mi, 2017-05-24 13:05

Folgende Anzeige, gefunden im Vorwärts, der SPD-Parteizeitung, wurde uns von Marion A. zugesandt:

„Öl weiter denken?“

Ist doch schon geschehen: Das Klimaabkommen von Paris verpflichtet seine Vertragsstaaten, binnen der nächsten 32 Jahre treibhausgasneutral zu werden. Das bedeutet: Die Verbrennung fossiler Rohstoffe muss schrittweise zurückgefahren werden, sodass immer mehr Lebensbereiche unabhängig von Öl, Kohle oder Erdgas werden.

Zum Beispiel durch Elektromobilität (die aber nur dann besser ist, wenn der eingesetzte Strom aus regenerativen Quellen stammt). Zum Beispiel aber auch in der Wärmeversorgung unserer Gebäude – wie viel Kohlendioxid die traditionellen Träger von Wärmeenergie verursachen, zeigt diese Grafik:

Dummerweise fördert die Bundesregierung aber immer noch den Einbau von Ölheizungen. Eine Kleine Anfrage der energiepolitischen Sprecherin der Linken im Bundestag, Eva Bulling-Schröter, förderte im vergangenen Jahr zutage: Insgesamt 14.100 Öl-Brennwertkessel wurden 2015 gefördert, die staatliche Bank KfW gab dafür 52 Millionen Euro Subventionen aus. 2015 war der Absatz von Ölheizungen um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, der von erneuerbar betriebenen Heizungen hingegen gesunken.

Weil es „gute Gründe für eine Energiewende mit Heizöl“ gibt?

Verantwortlich für diesen Schwachsinn diese Argumentation ist das Institut für Wärme und Öltechnik (IWO):

Das Institut für Wärme und Öltechnik ist aber kein Institut. Mit einem Forschungsinstitut hat das IWO in etwa so viel zu tun wie ein Vegetarier mit Blutwurst. Das Institut für Wärme und Öltechnik ist vielmehr ein Lobbyverband der deutschen Mineralöl-Industrie, zu dessen Mitgliedern die Heizölproduzenten BP, Esso oder auch Shell zählen.

Das IWO wirbt für Ölheizungen. In der SPD-Parteizeitung. Just zu einem Zeitpunkt, zu dem das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium seine Förderrichtlinien für Ölheizungen überarbeitet. Wegen Klimaschutz und so. Und hat damit anscheinend Erfolg. Nach dem Ministeriums-Entwurf soll die Förderung von Heizkesseln, die ausschließlich mit fossilen Energieträgern betrieben werden, nun erst 2019 auslaufen.

Danke an Marion A. aus Berlin für den Hinweis

Kategorien: Klima

SPD: Im Wahlkampf Fehler korrigieren

Do, 2017-05-11 08:55

Heiße Phase im Wahlkampf in Deutschlands größtem Bundesland! Folgende Werbung flatterte dem Klima-Lügendetektor aus Nordrhein-Westfalen ins Haus:

Sorry, Genossen, da kann irgendetwas nicht stimmen! In eurem „Regierungsprogramm für NRW“ heißt es doch auf Seite 32: „Wir wollen erreichen, dass wir Zug um Zug weniger fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung einsetzen müssen.“

Okay: „Zug um Zug“ ist dehnbar. Geht es nicht ein bisschen konkreter?

Doch, es geht. Ebenfalls auf Seite 32 heißt es im „Plan für NRW“:

Wie passt denn das mit „Wir brauchen die Braunkohle noch lange“ – siehe oben – zusammen?

Also Anruf in der SPD-Wahlkampfzentrale mit der Bitte, den Widerspruch aufzuklären.

Das ist den Genossen sichtlich peinlich. Denn erstens stammt die abgebildete Aussage von Rainer Thiel, der zwar für die SPD Sprecher im Unterauschuss Klimaschutzplan in NRW ist. Den aber „der erzieherische und oft moralisierende Unterton“ stört, wie er auf der Website der Splittergruppe Deutscher Arbeitgeberverband (nicht zu verwechseln mit dem großen Bundesverband der Arbeitgeberverbände BDA) erklärt, „mit dem ambitionierter Klimaschutz mit immer ehrgeizigeren Zielen vorangetrieben werden soll, verbunden mit Drohkulissen und Angstszenarien“. Thiel hat im Landtag gerade dagegen gestimmt, ein „Gutachten zu den Folgekosten des Braunkohleabbaus“ in Auftrag zu geben – wohl, weil er will, dass es immer so weitergeht mit den Tagebauen.

Zweitens haben sich in die Aussage der NRW-SPD tatsächlich drei kleine Fehlerchen eingeschlichen. Korrekterweise muss es nämlich heißen:

Vielen Dank an Dirk J. aus Düsseldorf
und Michael A. aus Bonn für den Hinweis.

Kategorien: Klima

„Schweizer Bürger“: Spiel mir das Lied vom Vogeltod

Do, 2017-05-04 21:44

Besorgte Bürger gibt es auch in der Schweiz. Zum Beispiel Kurt Zollinger, der sich selbst als „besorgten Bürger“ bezeichnet und sich gerade sehr, sehr besorgt an die Mitbürger der Schweiz gewandt hat. Und zwar mit dieser Postwurfsendung:

Es geht um eine Volksabstimmung am 21. Mai: Dann geben die Eidgenossen ihr Votum ab über die Zukunft ihrer Energieversorgung. Mit der „Energiestrategie 2050″ soll das bisherige Energiegesetz revidiert und damit ein erstes Maßnahmenpaket beschlossen werden. „Es dient dazu, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und erneuerbare Energien zu fördern. Zudem wird der Bau neuer Kernkraftwerke verboten“, erklärt die Schweizer Regierung.

Es geht also um die helvetische Version der Energiewende: Alle Parteien in der Schweiz sind dafür – außer der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Und außer den „besorgten Bürgern“. Die haben sich Sachverstand von Franz Helfenstein eingeholt, der den Aufruf gegen die Schweizer Energiewende als „Vogelliebhaber“ unterschrieben hat. Er behauptet, wie es in Energiewendekritikerkreisen sehr beliebt ist, der Ausbau der Windkraft habe dramatische Folgen für die Vogelwelt.

Na ja, gucken wir uns die Postwurfsendung mal genauer an:

Im Kopf ist der Vierwaldstättersee nahe Luzern abgebildet, einer der schönsten Seen der Schweiz, der sich als Gletscherrandsee am Ende der letzten großen Eiszeit bildete. Dass gerade dort an den Ufern Windräder aufgestellt werden – ausgesprochen unwahrscheinlich: Der See ist tief im Tal eingebettet, bei den vorherrschenden Windverhältnissen wären Windräder hier ziemlicher Unsinn.

Abgebildet auf dem Postwurf sind zweifelsfrei Kraniche, die – nun ja – vereinzelt ab und zu schon mal in der Schweiz gesichtet wurden. In Brandenburg kann man dagegen die Tiere zu Zehntausenden beobachten. Gleichzeitig ist Brandenburg das deutsche Binnenland mit den meisten Windkraftanlagen, weshalb das dortige Landesamt für Umwelt die Auswirkungen der Windkraft auf die Kraniche untersucht hat. Ergebnis:

Kraniche umfliegen also Windparks, weshalb in ganz Deutschland bislang 18 tote Kraniche in der Nähe von Windrädern gefunden wurden, was eine so geringe Menge ist, dass ein Zusammenhang „Windrad – Kranichtod“ statistisch eher nicht gezogen werden kann.

Bei dem kleinen toten Vogel, den die „besorgten Bürger“ auf ihrem Postwurf abgebildet haben, handelt es sich übrigens um eine Dachsammer, die am liebsten nahe am Boden unter Büschen brütet, weit weg von Windkraftrotoren – und auch nicht in der Schweiz, sondern hauptsächlich in Nordamerika.

Komisch! Sollte das ein „Vogelliebhaber“ nicht wissen? Und wer steckt eigentlich hinter den „besorgten Bürgern“?

Tataaa!

Der „besorgte Bürger“ Kurt Zollinger war bis vor Kurzem Präsident der SVP-Ortspartei in Stäfa am Zürichsee. Und die SVP ist – siehe oben – gegen die Energiewende in der Schweiz:

Und die tatsächlichen Schweizer Vogelschützer sind, ganz anders als die „besorgten Bürger“, für die Energiewende:

Aber um Vögel geht es den „besorgten Bürgern“ in Wahrheit gar nicht. Ihr Web-Auftritt ist unter der Adresse www.rettungwerkplatzschweiz.ch angelegt. Die wirklichen Fragen, die die „besorgten Bürger“ umtreiben, sind folgende:

Also ehrlich, ein so dilettantischer Versuch von Vogeltod-Alarmismus ist uns selten auf den Schreibtisch geflattert.

Vielen Dank für den Hinweis an Florian W. aus Zürich

PS: Die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Vogelwelt sind ein ernsthaftes Problem, dass seriös betrachtet werden muss. Verglichen mit den Auswirkungen der Kohleverstromung auf die Vogelwelt (und alles andere, was in der Umgebung von Förderstätten oder Kraftwerken vormals kreuchte und fleuchte) sind die Auswirkungen aber deutlich geringer.

PPS: Wie Deutschland fällt Klimaschutz auch der Schweiz schwer. Die jetzt zur Abstimmung stehende Energiewende soll das ändern: Laut jüngster Tamedia-Umfrage wollen 55 Prozent für das Gesetz stimmen, während 42 Prozent Nein sagen wollen – nur drei Prozent sind noch unentschieden.

Kategorien: Klima

RWE + Innogy: US-Wälder verfeuern

Fr, 2017-04-28 15:23

Wenn man sich im Internet bei „RWE Wissen“ über Biomasse informieren möchte, liest man Folgendes:

Einer Prognose des Verbandes der Netzbetreiber (VDN) zufolge wird der Anteil des aus Biomasse erzeugten Stroms in den nächsten fünf Jahren von derzeit rund 10 Milliarden auf mehr als 24 Milliarden Kilowattstunden steigen – ein enormes Wachstumspotenzial. Und damit gut für den Klimaschutz.

Der alte Kohle-Konzern RWE hatte ja seine Zukunft in der Innogy gesucht, wie der abgespaltene Konzernbereich sich jetzt nennt. Und dort wird Biomasse verbrannt:

Eine gute Sache, weil ja bei der Verbrennung von Biomasse nur so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie die verbrannten Pflanzen während ihres Wachstums aufgenommen haben.

Zumindest theoretisch. Praktisch kommen noch jene Emissionen dazu, die der Antransport des Brennstoffs verursacht. Innogy betreibt in den USA die Firma Georgia Biomass, die eine jährliche Produktionskapazität von 750.000 Tonnen aufweist – das größte Holzpelletwerk der Welt. Nach Recherchen der US-amerikanischen Naturschutzorganisation Dogwood Alliance verkauft die Firma ihre Produkte auch nach Europa – an den Innogy-Mutterkonzern RWE.

Damit würden nicht nur in den USA alte Wälder abgeholzt werden. Der Transport nach Europa verursacht eben auch das, was durch die Biomasse eigentlich eingespart werden soll: Treibhausgase.

Erinnern Sie sich? Wir hatten uns hier zuletzt mit der Imagekampagne von Innogy befasst, enthalten ist darin auch folgendes Motiv:

Jedenfalls ist in Europa verbranntes Holz aus den USA weder nachhaltig noch normal – sondern allenfalls innogy!

Vielen Dank an Peter G. und das Denkhaus Bremen für den Hinweis

Kategorien: Klima

IG BCE: Unter Realitätsverlust leiden

Do, 2017-03-30 22:36

Die energiepolitische Nachricht am heutigen Donnerstag stammt zweifelsfrei aus der Lausitz. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg vermeldete am Abend:

Es geht um die Zukunft der Lausitz: Vattenfall wollte hier einst neue Tagebaue aufschließen, um auch nach 2030 noch Braunkohle verstromen zu können. Dann brachte dem schwedischen Staatskonzern das Geschäft aber nur noch Verluste ein, weshalb Vattenfall den Laden an tschechische Finanzinvestoren verkauft hatte. Wobei „verkauft“ die falsche Formulierung ist: Die neuen Besitzer hatten 1,7 Milliarden Euro dafür erhalten, dass sie Vattenfall den Laden auch wirklich abnehmen.

Seitdem war spekuliert worden, was die Neuen eigentlich mit dem nun unter dem Namen LEAG firmierenden Unternehmen wollen. Offenbar nicht weiter in Braunkohle investieren. Das mediale Echo auf die heute vorgestellten Pläne ist jedenfalls eindeutig. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten titeln:

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung heißt es:

Selbst in der als Braunkohle-freundlich verschrienen Lausitzer Rundschau wird betont:

Gegen die Zwangsumsiedlung von Menschen muss also nicht mehr protestiert werden? Die Lausitz kommt jetzt endlich zur Ruhe?

Nicht, wenn man der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) glaubt: Deren Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape bezeichnete nämlich heute prompt die vorgestellten Geschäfts-Pläne

Weiter sagt die Gewerkschafterin: Deutschland

Deshalb könnten die Beschäftigten in der Lausitz nun aufatmen:

Fassen wir zusammen: Die Brandenburger Medien berichten darüber, dass jene 3.000 Menschen aufatmen können, die von den früheren Braunkohleplänen Vattenfalls betroffen gewesen wären. Weil sich neue Tagebaue betriebswirtschaftlich nicht rentieren, ist ihre Umsiedlung vom Tisch.

Die IG BCE wiederum frohlockt, dass die 8.000 Beschäftigten der Lausitzer Braunkohle aufatmen können, weil Deutschland die Braunkohle noch für lange Zeit als Eckpfeiler einer bezahlbaren Energieversorgung braucht.

Stoppstopp! Da ist eindeutig viel zu viel Atemluft im Spiel!

Vielleicht liegt das aber daran, dass IG-BCE-Vorständin Petra Reinbold-Knape nicht nur Gewerkschafterin ist, sondern auch noch stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der LEAG-Bergbau-Tochter: Die hat heute das Ende des Tagebau-Projektes Jänschwalde beschlossen und alle anderen auf Eis gelegt.

Die Frau betreibt ein Doppelspiel. Noch bleibt den Finanzinvestoren aus Tschechien schließlich ein Geschäftsmodell erhalten: Mutter des milliardenschweren Unternehmens LEAG ist die Lausitz Energie Verwaltungs-GmbH – eine haftungsbeschränkte Kapitalgesellschaft mit 25.000 Euro Stammkapital.

Die dichtzumachen dürfte ziemlich einfach sein. 1,7 Milliarden blieben dann in der Tasche der Investoren!

Vielen Dank an Julia G. für den Hinweis via Posteo.

Kategorien: Klima