Start running, Shell is coming!

CC-by-sa ethify.org & rasos

Wer in Google die Suchbegriffe „Shell“ und „Nachhaltigkeit“ eintippt, wird sehr schnell auf einen entsprechenden Teil der Website des Unternehmens geleitet. Dort heißt es gleich zu Beginn: „ Shell möchte dazu beitragen, den steigenden Bedarf auf wirtschaftlich, ökologisch und sozial verträgliche Weise zu decken.“

Aber passen Nachhaltigkeit und ein Mineralöl- und Erdgasunternehmen wie Shell wirklich zusammen? Und wirkt ihr Versprechen, der Natur gebührenden Respekt zu zollen, nicht gerade lachhaft angesichts der Pläne, in den eisigen Tiefen der Arktis nach Öl zu bohren?

Etwa 22 Prozent der unentdeckten, aber erreichbaren Öl- und Gasvorkommen dieser Erde befinden sich nördlich des Polarkreises. Für Energieunternehmen wie Shell, die mit Öl und Gas Milliarden verdienen, eine wahre Goldgrube. Deshalb kam es auch nicht überraschend, als das Unternehmen im Jahr 2012 bekannt gab, in der Arktis nach Öl bohren zu wollen. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los, angeführt von Umweltorganisationen wie Greenpeace, die mehrere Kampagnen führten, um Shell mithilfe der Öffentlichkeit und derPolitik zu zwingen, ihre Pläne aufzugeben.


Eine folgenschwere Ölkatastrophe ähnlich dem Untergang der Deepwater Horizon ist unter den extremen und unberechenbaren Bedingungen der Arktis eigentlich nur eine Frage der Zeit. Das sensible Ökosystem dort reagiert besonders empfindlich auf äußere Einflüsse, ausgelaufenes Öl würde es auf lange Zeit massiv schädigen. Zusätzlich ist die Beseitigung von Ölschäden in dieser unwirklichen und eisigen Region eine echte Herausforderung. Ist Shell dem wirklich gewachsen?

„Nein, das sind sie auf keinen Fall“, meint etwa Sarah Bernardi, InterMedia Studentin an der Fachhochschule Vorarlberg und Gestalterin des Adbusters „Start Running - (S)hell is coming“. Ihr Adbuster zeigt einen Eisbären, der in der Shell-Muschel auf der Flucht vor ausgelaufenem Öl ist. Doch ein Entkommen gibt es nicht, das Öl fließt von allen Seiten auf ihn zu. Warum gerade Shell und nicht Gazprom oder BP? Immerhin hat doch jedes Ölunternehmen Dreck am Stecken. „Schlimm sind sie alle“, meint Sarah. „Aber beim Thema Shell und Arktis ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hier besteht noch die Möglichkeit, eine Katastrophe zu verhindern, anstatt uns nur hinterher darüber aufzuregen.“

Shell hat uns bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, respektvoll und schonend mit unserer Umwelt umzugehen. Als einer der Hauptverantwortlichen für die Ölpest im Nigerdelta sind sie verantwortlich für die Zerstörung des Lebensraums von über 30 Millionen Menschen. Die Umweltverschmutzungen dort sind so gravierend, dass eine Säuberung etwa 25 bis 30 Jahre in Anspruch nehmen und bis zu 1 Milliarde Dollar verschlingen würde.

Shell empfindet die Vorwürfe jedoch als ungerecht. Ihrer Meinung nach sind Sabotage und organisierter Öldiebstahl die Hauptursachen für die Verschmutzung von Land und Wasser. Dem steht Sarah jedoch kritisch gegenüber: „Selbst wenn dies der Wahrheit entspricht, wären dann die Menschen in dieser Region, deren
Lebensgrundlage Fischfang und Landwirtschaft waren, nicht trotzdem besser dran, wenn die über 7000 km Ölpipelines, die das Nigerdelta nun durchkreuzen, niemals gebaut worden wären?“


Das Nigerdelta ist kaum noch zu retten - umso mehr wehrten sich Menschen auf der ganzen Welt gegen die geplanten Bohrungen in der Arktis. Denn damit könnte der Lebensraum von Inuk, Eisbär & Co. ebenfalls ganz schnell Geschichte sein. Im Jahr 2013 dann der Erfolg: Nach monatelangem, internationalem Protest und Gewinneinbußen legte Shell seine umstrittenen Bohrpläne vorerst auf Eis - nur um im Mai 2015 letztendlich die Erlaubnis der US-Behörden zu bekommen, in der Tschuktschensee (Nordwestküste Alaska) nach Öl zu bohren. Das Unternehmen braucht noch weitere Zulassungen, doch die größte Hürde ist bereits genommen.
„Höchste Zeit, etwas zu unternehmen. Bald könnte es bereits zu spät sein“, meint Sarah.

Shell nun als das ultimativ Böse darzustellen, wäre allerdings ein wenig übertrieben. Immerhin investiert der Konzern auch in Erneuerbare Energie wie etwa Photovoltaik, Windenergie und Wasserkraft. Wie schön wäre es, wenn das Unternehmen diese Bereiche mehr fokussieren würde. Geld dafür hätten sie als einer der umsatzstärksten Konzerne der Welt auf jeden Fall genug. Doch leider erscheinen Shell die in der Arktis schlummernden Ölreserven derzeit verheißungsvoller. Und nicht nur das, mithilfe der Übernahme der britischen BG-Group und einer Kooperation mit Gazprom wächst der Einfluss des Unternehmens (und natürlich der gesamten Ölindustrie) immens.
Sarah gibt sich dennoch optimistisch: „Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Greenpeace und WWF haben mit ihren Kampagnen der vergangenen Jahre gezeigt, dass die Öffentlichkeit etwas bewirken kann und auch sollte. Gemeinsam ist es uns möglich, die Arktis zumindest vor dieser Katastrophe zu bewahren.“ Ihr Adbuster soll Menschen dazu bewegen, über die Gefahr, welche Shell für die Arktis darstellt, nachzudenken. „Ein Wunschgedanke ist natürlich schon, dass ich jemanden dazu animieren könnte, selbst aktiv für den Schutz dieser einzigartigen Region zu kämpfen“, schmunzelt die Studentin. Dennoch betrachtet sie ihr Werk auch selbst skeptisch, immerhin bleiben Adbuster ja viel zu oft witzig anstatt kritisch in Erinnerung und die eigentliche Botschaft geht verloren.  Mit dem in das Bild integrierten Text „Start running - (S)hell is coming“ kommt die Nachricht des Adbusters jedoch auf jeden Fall beim Publikum an. Bild und Text ergänzen sich zu einer traurigen, schockierenden Aussage, klar und reduziert. Eine Aussage, die so schnell sicherlich nicht in Vergessenheit geraten wird.


Quellen:
https://www.shell.at/environment-society.html
http://www.shell.at/environment-society/sustainability-report.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Royal_Dutch_Shell
https://web.archive.org/web/20100615172538/http://www.tagesschau.de/ausl...
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/arktis-shell-setzt-alaska-oelbo...
http://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/arktis/oelbohrungen-ar...
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/us-studie-arktis-oel-koennte-we...
https://www.savethearctic.org/de-AT
http://www.nachrichten.at/nachrichten/wirtschaft/Shell-darf-in-Arktis-Oe...
http://www.gazprom.com/press/news/2013/april/article159865/

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