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Parallelwelt

Luftbild Grundstück

ParallelWelt

ein Ausbruch
 

 



 

Ein Bericht über die Rückkehr in einen Alltag, den die meisten von uns so nicht mehr kennen. Über die Entdeckung der Einfachheit, Ungezwungenheit und der Gemeinsamkeit. Über die Abwesenheit von festen Strukturen, strengen Plänen und impulsivem Konsum.

Diese Parallelwelt befindet sich im beschaulichen Ort Salem ganz in der Nähe des Bodensees.

Beitrag von: Malte Reinhard

 

Kapitel 1

Alltag

Vier Orte, vier Personen und vier Versionen eines Alltags der modernen Gesellschaft. Wir - das sind vier Freunde aus Deutschland, die studieren und/oder arbeiten, in oder bei Großstädten leben, keinen eigenen Garten oder eine Werkstatt haben und sich alle Monate in Salem treffen um gemeinschaftlich zu werkeln. Ob es Statik-Berechnungen, erstellung von Requirements für Software, entwicklung von Employer Branding Strategien oder gestaltung von User Interfaces sind - alle starren in ihrem Alltag auf Bildschirme, hängen in Konferenzen und bewältigen Mail-Fluten. Der ganz normale Bürowahnsinn der heutigen Arbeitswelt eben. In der Freizeit buhlen dann neben Freundschaften, sämtliche Medien um unsere Aufmerksamkeit. Nicht, dass wir diesen Zustand alle verabscheuen - doch erst wenn man die Perspektive wechselt oder man etwas weglässt, merkt man wie man eigentlich lebt und was man als normal ansieht.
Unsere Alltage stehen alle sinnbildlich für angestellte Akademiker in der westlichen Leistungsgesellschaft. Dieser Beitrag soll darum gehen, wie wir eine kleine Parallelwelt gefunden haben und was das mit Humanökologie zu tun hat.

Kapitel 2

Der Ort

Eigentlich handelt es sich um etwas ganz einfaches: Ein Grundstück mit großem Garten und einem Bungalow. Doch es ist vielmehr ein Abenteuerspielplatz, ein Kollektiv Projekt, ein Mikrokosmos oder eben auch eine Parallelwelt. Eine Parallelwelt ohne brauchbaren Handyempfang oder Internetanschluss.
Zentraler Aspekt des Projekts ist der Zustand des Gebäudes sowie des Grundstücks. Hier muss angepackt werden, um alles in Schuss und nutzbar zu halten.
Da es unzählige Baustellen gibt und keiner von uns Profi ist, können wir uns jedoch herausnehmen selbst zu entscheiden was wir angehen. Das ist der gewisse Luxus den wir genießen, denn keiner ist auf unsere Arbeit angewiesen - alles kann nichts muss ist das Motto.
Am Haus aus den 70ger Jahren wurde viel selbst gemacht, angebaut, ausgebessert oder auch vernachlässigt. Im Winter oder bei schlechtem Wetter bietet es sich an Hausarbeiten wie Streichen, Ausbessern von Wänden, Erneuern von Böden, Einbau neuer Armaturen etc. vorzunehmen.
Der Ort Salem ist ein gut 10.000 Einwohner starkes größeres Dorf mit einem recht bekannten Schloss mit Eliteinternat. Wir Städter bemerken immer wieder wie stark verwurzelt das Handwerk hier noch ist. Viele werkeln, arbeiten im Garten oder unternehmen etwas.

Auch wenn es nicht daran herankommt, für uns ist Salem so etwas wie das Kliemannsland. (https://www.kliemannsland.de/)

Kapitel 3

Learning by Doing

Einer ist zwar Ingenieur, doch alle anderen haben in Ihrer Laufbahn so gut wie keine handwerkliche Ausbildung erhalten. Eine Mauer hochziehen? Beton anmischen? Dachkonstruktionen planen und bauen? Dank zahlreicher Tutorials, großem Ehrgeiz sowie Durst nach Neuem ist das Motto klar praxisorientiert “Learning by Doing” oder auch “Trial and Error”. Die Steckdose hat nach der neuen Verkabelung keine Funktion mehr? Nachbarn mit Multimeter anrufen, Hilfe bekommen, zuhören und lernen. 

Wir benötigen Baustoffe? Erst einmal die Kleinanzeigen checken, bevor man überteuerte neue Dinge kaufen muss! 

Das Motto lautet immer: Neuanschaffungen vermeiden, Kosten sparen und besser gebraucht kaufen. Dadurch handeln wir kostengünstig, lokal und nachhaltig. Angenehmer Nebeneffekt: Man baut sich ein kleines Netzwerk an lokalen Helfern auf. Familie A hat Erde im Garten, Familie B einen Traktor zu verleihen und Familie C kennt sich mit Elektronik und Gas-Wasser aus.

Viele würden beim Anblick mancher Ecken des Gebäudes - innen wie außen - vermutlich zum sofortigen Abriss raten. Sicherlich eine einfache Art die “Probleme” zu lösen - doch nicht sonderlich nachhaltig im Sinne der Humanökologie.

Rückblickend gibt es zahlreiche Beispiele wie aus heruntergekommenen Ecken oder muffigen Räumen wieder Orte wurden, die man gerne anschaut oder betritt. Es ist zwar aufwendiger etwas sorgfältig zu entkernen, zu renovieren, reparieren und zu putzen und anschließend wieder einzurichten, jedoch besteht genau in diesem Ansatz auch die Freude der Arbeit. Die Fortschritte sind direkt sichtbar und das ganze ohne teure Anschaffungen, Handwerker oder gar Neubau oder Neukauf. Man mag zwar viel Zeit und körperlichen Aufwand reinstecken, doch genau darin besteht der Reiz. Der Weg ist das Ziel sozusagen. Was haben wir denn von einem perfekten Reihenhaus mit sterilem Garten?

Kapitel 4

Garten

Eine grüne Oase ist der große Garten, der leider wegen unregelmäßiger Nutzung kaum ein Nutzgarten und mehr ein wilder Ziergarten ist. Ein alter Apfelbaum, Wein und Holz für den Ofen, das sind die hauptsächlich nutzbaren Erzeugnisse.
Ansonsten gibt es viel Wiese, Sträucher, Büsche, einige kleine und auch große Bäume.

Viel Arbeit ist mit Altlasten wie morschen Vordächern aus Asbest oder stillgelegten Zisternen verbunden. Das Ziel ist hier die Dinge zu erneuern, fachgerecht zu entsorgen und generell dem Garten wieder mehr Natürlichkeit und Grün zu ermöglichen, indem “Schandflecken” wie alte Gruben aufgefüllt werden. Man könnte auch Renaturierung dazu sagen.

Ein wichtiger Teil für den ökologischen Aspekt des Haushalts ist das Anlegen eines Komposts für Bioabfall. Dadurch haben wir eine ganz natürliche Quelle für beste Erde.

Kapitel 5

Lebensgefühl

Wie anfangs erwähnt verfolgen alle normale Jobs in mehr oder weniger großen Unternehmen und leben ein Leben ohne eigenen Garten. Die Zeit in Salem ist dabei ein kompletter Kontrast gegenüber dem Alltag. Das kollektive, körperliche Arbeiten an handwerklichen Aufgaben, draußen wie drinnen, macht einen am Abend zufriedener als das Büro. Der Fortschritt ist sichtbar und spürbar.

Dabei benötigen wir während des Aufenthalts kaum Geld, sind produktiv und haben eine Menge Spaß. Diese Erfahrung sollte man auch im Arbeitsumfeld haben können. Einige Firmen haben schon erkannt, dass es sich lohnt einen Tag der Woche für eigene Projekte der Mitarbeiter zu blockieren. Das ist ein mutiger Schritt, doch aus so mancher kleinen Idee kann so einmal ein richtiges Produkt werden. Zusätzlich macht das Tüfteln und handwerkliche Arbeiten im Kontrast zum PC im Büro einfach Freude und ist eine willkommene Abwechslung.

Auch in Salem ist die Abwechslung spürbar. So sind wir oftmals derart vertieft in die Arbeit, dass wir die Zeit und den Hunger völlig vergessen. Wenn es dann um 11 Uhr Abends endlich Abendbrot gibt wird der Kamin angefeuert, Spiele ausgepackt und eine Flasche Wein geöffnet. Oder man nimmt den Wein einfach mit in den Keller, stellt dort eine Musikbox auf und streicht noch nachts einen ganzen Raum. Why not?

Kapitel 6

Kreislaufwirtschaft

In diesem Kapitel möchte ich auf die Aspekte eines nachhaltigen Lebensstils, der das Instandhalten und Reparieren beinhaltet, eingehen.

Wie schon erwähnt wäre eine Entsorgung auf der Deponie, Sperrmüll, Abbruch oder ein großer Bagger für manche Probleme eine schnelle und einfache Lösung. Doch der einfach weg ist meist nicht der nachhaltige. Nachhaltigkeit mag anfangs oft unbequem und aufwendig erscheinen, doch wenn man den vermeintlich unerfreulichen Prozess kollektiv zum Credo macht, dann beginnt es plötzlich Freude zu machen. Klar werden beim Kauf eines Produkts kurzfristig Glücksgefühle frei, doch beim Anblick getaner Arbeit geschieht das auf viel tieferer Ebene. Es ist ein bisschen wie beim Sport, man mag anfangs keine Lust drauf haben, muss sich motivieren und aufraffen, doch fängt man erst einmal an - am besten in der Gruppe - dann macht es plötzlich Spaß und hinterher ist man total glücklich, müde und bei regelmäßiger Tätigkeit auch noch gesünder!

Für das Wirtschaftssystem wäre es freilich gut, wenn alles eine begrenzte Lebensdauer hat und anschließend entsorgt wird. Das erleben wir ja schon bei vielen Gebrauchsgütern. Jedoch sind zumindest in Westeuropa Gebäude meist für viele Generationen ausgelegt.

Das Problem mit dem Wachstum ist ja, dass viele Produkte aus Ressourcen wie Öl, Holz, Mineralien, seltenen Erden oder anderen natürlichen Rohstoffen bestehen, die kaum wieder in den Produktkreislauf eingeführt werden. Also entstehen riesige Mengen an Müll, Altmetall, Schrott, giftigem Abfall etc. Gleichzeitig muss im Sinne des Wachstums immer mehr hergestellt werden, was dann immer schneller wieder entsorgt wird, um weitere Dinge verkaufen zu können. In diesem Prozess entnehmen wir der Natur ständig Dinge, ohne etwas zurückzugeben. Vom CO2 ganz zu schweigen. Wir beuten die Erde vollkommen aus, müllen sie zu und lassen die Armen die Drecksarbeit machen. Diese Methode hat uns freilich einigen Wohlstand und Fortschritt beschert, doch mittlerweile sind derart viele Grenzen überschritten, dass ein “weiter so” auch finanziell keinen Sinn mehr macht. 

Wie funktioniert Kreislaufwirtschaft?
Circular Economy ist ein regeneratives System bei dem es darum geht sämtliche eingesetzte Ressourcen in einem Kreislaufsystem wiederzuverwenden, Energie zu sparen, Emissionen zu verringern und dadurch nachhaltiger zu wirtschaften. Das Ziel ist es Kreisläufe möglichst zu schließen, sodass keine Energie verloren geht, keine Emissionen ungenutzt bleiben und kein Material entsorgt werden muss. Im Gegensatz zur Linearwirtschaft, welche derzeit das vorherrschende Prinzip ist, möchte man in der Kreislaufwirtschaft also die der Erde entnommenen Rohstoffe die im System vorhanden sind immer wieder verwenden, nicht entsorgen und keine weiteren Ressourcen abbauen. Für die Natur wäre dies also eine Erholung vom Mensch.
Wie kann man das erreichen?
Man muss den Gesamten Lebenszyklus und alle Schritte eines Produkts genau analysieren und von Anfang an für die Kreislaufwirtschaft planen. Ein vorhandenes System umzubauen ist immer aufwendiger!
Beginnend in der Entwicklung muss so gestaltet werden, dass Produkte langlebig, modular, reparabel, ressourcenarm und gut zerlegbar sind. Design spielt dabei natürlich auch eine große Rolle! 

Auch der Handel, die Verwendung und die Rückgabe des Produkts wollen nachhaltig geplant werden. Denn das Konzept sieht vor, dass das Produkt nicht entsorgt, sondern eher erneuert oder neu zusammengesetzt wird. Recycling, also das Zerlegen und anschließende Herstellen von Rohmaterialien wird als letztes Mittel der Wahl beschrieben, da hierzu ein hoher Energieeinsatz nötig ist.
Kritiker betonen, dass eine reine Kreislaufwirtschaft nicht möglich sei, da zum Beispiel der 2. Hauptsatz der Thermodynamik bestimmte Prozesse als irreversibel beschreibt. Es gibt also immer einen kleinen Anteil an Verlust im Kreislauf.

Auch wenn wir noch weit davon entfernt sind eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren, geht der Weg den wir in Salem verfolgen in die richtige Richtung. Wiederverwendung und Reparatur stehen im Vordergrund. Dies trifft jedoch vor allem  auf Baustoffe und im Garten zu. Lebensmittel werden hauptsächlich im Supermarkt oder beim Bäcker gekauft.

Wie kann sich Kreislaufwirtschaft durchsetzen?
Da es in den meisten Fällen billiger ist Dinge zu entsorgen und einfach neu herzustellen, werden nur wenige Unternehmen von sich aus auf Kreislaufwirtschaft setzen. Es gibt jedoch auch Beispiele die in die richtige Richtung gehen. Das kann man jedoch häufig als Greenwashing oder reine Marketing-Kampagne abstempeln. Doch mit zunehmender Änderung des Verbraucherverhaltens beginnen auch Hersteller ihre Verantwortung ernster zu nehmen. 

Um wirklich nennenswerte Fortschritte zu erzielen wäre jedoch eine globale Allianz aus der Politik heraus erforderlich. Erst wenn weltweite Gesetzte Unternehmen in die Verantwortung für den gesamten Lebenslauf ihrer Produkte nehmen werden wir wirkliche Veränderungen erleben können. Das Verstoßen gegen die Gesetze der Kreislaufwirtschaft, also der Abbau von Ressourcen, das Verschwenden von Energie oder auch die Entstehung von Müll müsste so stark besteuert werden, dass es sich auch betriebswirtschaftlich nicht lohnt diese Ausbeutung zu betreiben.
Zumindest wird heute erstmals darüber geredet, dass die Tabakindustrie sich an den Reinigungskosten der Kommunen beteiligt - das geht in die richtige Richtung. Jedoch müssten Produzenten und Handel viel mehr auf die Reparatur oder Weiterverarbeitung eingestellt sein. 

Was können wir Einzelnen für die Kreislaufwirtschaft tun?
Mit gutem Beispiel vorangehen, indem wir:

  • Dinge wiederverwenden

  • Produkte reparieren - Stichwort Repair Cafe

  • keine Energie verschwenden

  • Recyceln und Upcyceln

  • Einwegprodukte vermeiden

  • Konsum vermeiden

  • gebraucht kaufen

  • Anderen davon erzählen

  • nicht den Versprechen des Marketings verfallen

  • Parteien wählen die sich für Nachhaltigkeit einsetzen

  • Organisationen unterstützen die sich für Kreislaufwirtschaft einsetzen

  • sich über das Thema weiterbilden

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